Sonntag, 25. Juli 2010

Die Brut (1979)

David Cronenberg hat DIE BRUT (The Brood) halb scherzhaft als seine Version von "Kramer gegen Kramer" (1979) bezeichnet. Nach seinen frühen, apokalyptischen Filmen, die stets mit dem kompletten Zusammenbruch des Systems endeten, erreichte Cronenberg mit seinem dritten Spielfilm eine neue Stufe seiner Entwicklung als Regisseur. So ist ihm mit DIE BRUT einer der anspruchsvollsten, persönlichsten und verstörendsten Horrorfilme aller Zeiten gelungen.

Wie so oft bei Cronenberg beginnt der Film mit einer öffentlichen Darbietung. Der wie ein Guru verehrte Psychiater Raglan (Oliver Reed) demonstriert vor Zuschauern seine spezielle Therapieform, die den Patienten, bzw. dessen Körper dazu bringt, verdrängten Kummer und Zorn auf bizarre Weise auszudrücken. Zu seinen Patienten gehört auch Nola Carveth (Samatha Eggar), die in seinem Institut lebt, mitten in einer Scheidung steckt und in den Sitzungen mit Raglan ihre Kindheitserinnerungen an eine prügelnde Mutter und einen versagenden Vater durchlebt. Als aber ihre Eltern brutal von scheinbar deformierten Kindern getötet werden, offenbart sich ihrem Noch-Ehemann (Art Hindle), der um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter kämpft, ein schreckliches Geheimnis: die mörderischen "Kinder" sind Kreaturen ihres Zorns...

Zum ersten Mal standen Cronenberg für die Realisierung seiner Horror-Visionen namhafte Schauspieler zur Verfügung, und alle leisten hervorragende Arbeit. Der oft übertreibende Oliver Reed zeigt hier eine sehr zurückgenommene und kontrollierte Darstellung. Sein Dr. Raglan ist einer der vielen tragischen Wissenschaftler in Cronenbergs Schaffen, die aus positivem Antrieb heraus absolute Schreckensszenarien kreieren.
Samatha Eggar als psychisch labile Nola und "Mutter" der Brut meistert ihren schwierigen Part grandios. Man lehnt sie ab, weil sie besitzergreifend, hasserfüllt und verbittert ist, aber man fühlt ihren Schmerz und die Unfähigkeit, ihre Vergangenheit zu bewältigen. In ihren gemeinsamen Sitzungen zeigen Reed und Eggar großes Schauspielkino, das im Horror-Genre nicht gerade häufig zu sehen ist.
Hauptdarsteller Art Hindle fällt dagegen etwas ab, er ist als Charakter lange zu passiv und lediglich Beobachter der Ereignisse, zudem wirkt er nicht besonders sympathisch. Er ist offensichtlich das Alter Ego des Regisseurs, der während der Drehbuchphase selbst in einer unschönen Scheidung steckte und nach eigener Aussage seinen ganzen Frust im Film verarbeitete, der besonders in seiner Hauptfigur erkennbar ist, der sich am Ende nicht anders zu helfen weiß, als seine Frau mit bloßen Händen zu erwürgen, um seine Tochter zu schützen.

Was DIE BRUT zudem auszeichnet, ist die gelungene Aufarbeitung des Kreislaufs häuslicher Gewalt. Samatha Eggars Nola wurde als Kind von ihrer Mutter misshandelt, während der Vater weggeschaut hat. Nachdem sie von ihrer Tochter im Institut besucht wurde, weist diese ebenfalls Spuren von Misshandlung auf (die, wie sich später herausstellt, von der "Brut" verursacht wurden). Wenn sich in der letzten Einstellung des Films die Kamera dann auf den Arm der Tochter konzentriert, an dem sich kleine Bläschen gebildet haben (so, wie sie auch Eggar in der Kindheit besaß), ist klar, dass die nächste "Brut" nur darauf wartet, geboren zu werden. Aus der Gewaltspirale gibt es kein Entkommen.

Für DIE BRUT arbeitete Cronenberg erstmals mit Kameramann Mark Irwin und Komponist Howard Shore zusammen, die zu langjährigen Begleitern wurden (Shore ist heute noch für Cronenbergs Soundtracks verantwortlich). Die eisige Winter-Atmosphäre des Films ist körperlich spürbar. Was die Effekte angeht, hält sich Cronenberg anfangs sehr zurück, die Mordsequenzen sind eher fantasievoll/spannend als abstoßend inszeniert. Die volle Wucht seiner grotesken Bilder hält er sich bis zum Finale auf, in dem wir sehen, wie Samatha Eggar ihre "Brut" zur Welt bringt, während Oliver Reed versucht, Hindles Tochter aus der Gewalt der "Brut" zu befreien. Hier erreicht der Film eine Intensität des Grauens, die nicht mehr zu steigern ist.

Für einen ironischen Kommentar sorgt Cronenberg, indem er die "Brut" in bunte Schlafanzüge, - sogenannte "Dr. Dentons" - steckt, die normalerweise das ultimativ "niedliche" Bekleidungsstück für Kinder sind. Hier sind sie eher der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden und kommen direkt aus dem Unterbewusstsein.

Samantha Eggar übrigens war sich offenbar nicht wirklich bewusst, wie verstörend der Film ist und reagierte noch Jahre später allergisch auf die Erwähnung des Titels.
Die Kritik konnte zum ersten Mal einem Cronenberg-Film etwas Positives abgewinnen. Mit dem folgenden "Scanners" (1981) erzielte Cronenberg seinen ersten echten Publikumshit, um dann mit "Videodrome" (1983) seine wohl beste Arbeit abzuliefern.
So sehr Cronenberg heute für seine anspruchsvollen Mainstream-Werke geschätzt wird ("A History of Violence", "Eastern Promises") - keines von ihnen kann die Einzigartigkeit dieser fantastischen frühen Filme erreichen, durch die er für immer einer der großen Visionäre des Genres bleiben wird.

10/10

Kommentare:

  1. Grins...da fehlt mir mit "Videodrome" schon wieder ein Film ein, den ich in meiner Monsterliste vergessen habe. Grummel...Die Brut ist aber genauso genial.

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  2. grins... genau deswegen fällt mir die Liste auch so schwer. Vielleicht sollte ich nach Genres ordnen, das fällt mir leichter. LG!

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  3. Wirklich verstörend und gleichzeitig herausragend, dieser Film! Den vergisst man auch nie wieder. Auch wenn mich "die Brut" an "Wenn die Gondeln Trauer tragen" erinnert hat - das Ausmaß des Ganzen hat mich dann doch überwältigt. Schon echt gruselig. Auch Oliver Reed, den ich hier optisch ziemlich unausstehlich fand. Aber auch das passt. Eine irre Reise durch die Psyche - großartig und schrecklich zugleich. Du hast eine 100%ig passende Kritik dazu geshrieben, Danke!

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  4. Einer dieser Filme, die ich immer wieder sehen kann. ich wünschte, Cronenberg würde noch mal so einen machen... seufz

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