Freitag, 2. Juli 2010

Die alles begehren (1964)

Elizabeth Taylor und Richard Burton waren faszinierende Leinwand-persönlichkeiten, ohne Frage, und sie haben sowohl gemeinsam Meisterwerke ("Wer hat Angst vor Virgina Woolf") als auch kitschtriefende Schmonzetten ("Hotel International") mit ihren Namen zu Klassikern gemacht. Aber nie waren beide schlimmer fehlbesetzt als in der Drei-Taschentücher-Story um Liebe, Lust und Religion, "Die alles begehren" (The Sandpiper), welcher zweifellos in die zweite Kategorie gehört.

Vor der malerischen Küste Monterreys (die selten schöner eingefangen wurde und das einzig überzeugende Element des Films darstellt) spielt La Liz eine freigeistige Künstlerin, die in einem "ärmlichen" Strandhaus (nach Hollywood-Maßstäben) mit ihrem neunjährigen, unehelichen Sohn lebt, der nach einigen Lausbubenstreichen vom örtlichen Reverend Richard Burton in dessen Internat gesteckt werden soll, was Liz auf die Palme bringt, da sie allen gesellschaftlichen Konventionen und Regeln abgeschworen hat, selbstverständlich aufgrund von - schluck - tragischen Kindheitserlebnissen.
Noch bevor der Zuschauer "Dornenvögel" sagen kann, fängt Richard auch schon kräftig an zu schwitzen und Taylor nachzugeifern, ganz besonders, nachdem er Zeuge wurde, wie der junge Bildhauer Charles Bronson (der Elizabeth immer mit "Baby" anspricht, weil der Film nicht nur ein Melodram, sondern ein hippes Melodram sein möchte) eine Aktskulpur von ihr anfertigt. Es kommt, wie es kommen muss, und in der schönsten Szene, die für jede Menge staunender Münder und Lachanfälle sorgt, sitzen beide im Wagen, unterhalten sich über Gott und die Welt, als plötzlich Richard seinen starren Blick auf Liz richtet und mit tödlich ernster Miene spricht: "Ich will dich!". Ein grandioser Moment des Trash-Kinos, und danach ist natürlich nichts mehr, wie es mal war.
Burtons Film-Ehefrau Eva Marie Saint muss stets in mausgrauen, konservativen Kostümen herumrennen (dabei war sie doch in Hitchcocks "unsichtbarem Dritten" so unterschwellig erotisch), ist aber natürlich verständnisvoll bis zum Abwinken, wenn es um die Gelüste ihres Gatten in dessen zweitem Frühling geht. Burton spielt seine Rolle so pathetisch, dass man darauf wartet, Gott selbst würde noch auftauchen und mit ihm sprechen. Trotzdem besitzt er mehr Ausstrahlung als hundert andere Schauspieler seines Jahrgangs.
Elizabeth Taylor hingegen... nun ja, sagen wir mal, wenn man spontan an ein freigeistiges, barfüßiges Hippie-Girl denkt, fällt einem nicht unbedingt Elizabeth Taylor ein. Sie ist geschätzte 20 Jahre zu alt für ihre Rolle, und obwohl sie alles Materialistische ablehnt, trägt sie tonnenweise Make-Up, makellose Frisuren, und ihre Designer-Kostüme sind stets zwei Nummern zu klein, weswegen der Zuschauer reichlich Gelegenheit bekommt, ihre Slip-Linie unter den engen Hosen zu studieren. Wenn sie nicht gerade einem kleinen Strandläufer (eben jener 'Sandpiper') den gebrochenen Flügel schient (eine Metapher für Freiheit, die von Regisseur Vincente Minelli zu Tode und noch weiter geritten wird), schreit sie Burton und alle anderen Darsteller an, bis man förmlich Rauch aus ihren Ohren kommen sieht.

Das Ehepaar Taylor/Burton ließ die Innenaufnahmen übrigens in Paris anfertigen, um Steuern zu sparen, soviel zum Thema Freiheit und Konvention. "Die alles begehren" ist ein schwerfälliges Melodram, das nie von der Stelle kommt, mit der verführerischen, lasterhaften Frau und dem leidenden Mann, der vor lauter Wollust keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Es ist aber auch ein Kreuz mit diesen Weibsbildern...
Sehr empfohlen! Leider ist dieser Klassiker des Star-Vehikels hierzulande nicht auf DVD erhältlich, wird aber gern im Nachtprogramm versendet.

06/10




Kommentare:

  1. Oja, irgendwie ist der Film schon mehr als kurios. Inzwischen sehe ich aber auch das sehr innige Gefühl zwischen den beiden. Liz ist ja ganz entsetzt, als Burton ihr erklärt, er habe alles seiner Frau gestanden, so als habe er damit ihre Liebe verraten ("Dornenvögel"? - Das Zölibat ist hier mal nicht das Problem). Vielleicht werde ich langsam altersmilde, hm.

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  2. Das liegt vielleicht daran, dass Burton/Taylor einfach klasse sind, egal wie schlecht der Film ist, in dem sie mitspielen. Da wird man doch gerne milde. :-) LG, Mathias

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  3. meine lieblings-Trash-Schmonzette! Eins hast Du vergessen zu erwähen: "The shadow fo your smile...." Sehr schöner Soundtrack von Johnny Mandel..

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  4. Da stimme ich zu. Aber der Film... nee, der schafft es trotz Trashfaktor nie, mich wirklich zu begeistern, außerdem finde ich Taylors Kind blöd, weil es gleich zu Beginn Tiere quält.

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  5. Das Kind ist übrigens der Sohn von James Mason

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  6. Das wusste ich nicht, danke für die Info! Wie klein die Welt ist... :-) LG, Mathias

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