Dienstag, 27. Juli 2010

Dead Zone - Der Attentäter (1983)

Mit DEAD ZONE (The Dead Zone) betrat der kanadische Kultregisseur David Cronenberg neues Terrain.

Erstmals zeichnete er nicht selbst für das Drehbuch verantwortlich, und mit Stephen King als Autor der Romanvorlage wandte sich der Film klar an ein Mainstream-Publikum, das sich normalerweise nicht unbedingt einen Film des "King of Body Horror" Cronenberg ansehen würde.

Stephen King verfasst selbst ein Drehbuch nach seinem Roman, welches aber von Cronenberg verworfen wurde (was King wiederum gar nicht gefiel). Autor Jeffrey Boam schrieb schlussendlich das Script, und ihm gelang es, Kings Visionen in eine emotionale und spannende Geschichte mit sympathischen Figuren zu übertragen.

Christopher Walken zeigt eine seiner besten Darstellungen als Lehrer Johnny Smith (der perfekte Jedermann, schon dem Namen nach), der nach einem schweren Autounfall ins Koma fällt. Als er fünf Jahre später aus selbigem erwacht, hat nicht nur seine große Liebe (Brooke Adams) mittlerweile einen anderen Mann geheiratet, er besitzt auch die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, wenn er Menschen berührt...

Cronenbergs Film ist klar in drei Abschnitte unterteilt. Der erste zeigt Johnnys Akzeptanz der "Gabe" und wirft Fragen über Ethik und Verantwortung auf ("Wenn Sie durch die Zeit reisen könnten und Hitler vor seiner Machtübernahme begegnen - würden Sie ihn ermorden?"), die im dritten Akt beantwortet werden. Im zweiten Abschnitt findet er dank seiner seherischen Fähigkeiten einen gesuchten Serienkiller (Nicholas Campbell), im dritten und entscheidenden Teil lernt er Politiker Gregg Stillson (Martin Sheen) kennen und erkennt in ihm einen Psychopathen, der nach seiner Wahl zum Präsidenten den Atomkrieg starten wird. So wird Johnny schließlich zum Attentäter.

DEAD ZONE ist wie so oft bei Cronenberg im Winter angesiedelt, was perfekt mit seinen Themen von Verlust und Einsamkeit harmoniert. Johnny Smith ist ein zutiefst unglücklicher und schließlich sogar tragischer Held, der seine "Gabe" verflucht, die ihm nichts als Kummer und Schmerz bringt und zu allem Überfluss noch einen Gehirntumor verursacht (ein zentrales Thema bei King, das in der Filmversion heruntergespielt wird). Eine große Verbesserung gegenüber des Romans, die sogar Stephen King anerkannte, ist die Art, wie Cronenberg Christopher Walken Teil seiner Visionen werden lässt. Er sieht nicht nur die Zukunft, er befindet sich mittendrin und leidet mit. Wenn er das brennende Kinderzimmer einer Krankenschwester sieht, liegt er dort im Kinderbett. Als Zeuge eines brutalen Mordes des Serienkillers kann er nur zusehen und nicht eingreifen.

Cronenberg hält sich sehr mit blutigen Details zurück, lediglich der Selbstmord des Killers Nicholas Campbell hat die bizarre Qualität seiner früheren Werke. Vor allem ist dies eine emotionale Geschichte, und zum ersten Mal in Cronenbergs Schaffen sehen wir eine Liebesgeschichte, die berührt.
Neben dem sensationellen Christopher Walken spielen ausgezeichnete Darsteller wie Colleen Dewhurst, Herbert Lom und Tom Skerritt. Martin Sheen, der sich zunächst weigerte, eine so negative Figur zu spielen, ist als populistischer und machtgeiler Politiker, der die Welt zerstören wird, extrem sehenswert.
Zum ersten und einzigen Mal komponierte nicht Howard Shore die Musik für Cronenberg (er war verhindert), sondern Michael Kamen. Ihm ist ein sehr eindringlicher Score gelungen, der die große Traurigkeit der Geschichte auch in den actionreichen Passagen immer mitschwingen lässt.

DEAD ZONE war kein Riesenhit (als Popcorn-Kino ist er viel zu traurig und deprimierend), aber ein relativ bescheidener Erfolg. Er wird oft als Fingerübung für Cronenbergs Meisterwerk "Die Fliege" (1986) gesehen, in welchem der Regisseur seine ganz persönlichen Horrorszenarien mit einer überzeugenden emotionalen Geschichte verbinden sollte.

08/10

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