Montag, 5. Juli 2010

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1970)

Der ehemalige Filmkritiker Dario Argento inszenierte mit DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (The Bird with the Crystal Plumage) einen wegweisenden Thriller mit deutlichen Hitchcock-Anleihen, erschuf damit einen internationalen Hit und belebte das italienische Genre-Kino der 70er wie kein zweiter (mit Ausnahme von Mario Bava).
Argento selbst legte damit den Grundstein für seine Karriere. Obwohl seine Werke in den letzten Jahren deutlich schwächer wurden, gilt er immer noch als Meister des Horrors und ist in Italien eine unglaublich populäre Kultfigur.

In Deutschland wurde DAS GEHEIMNIS... als Film nach angeblichen Motiven von Bryan Edgar Wallace vermarktet, um auf der auslaufenden Edgar Wallace-Welle mitzuschwimmen, dabei hat der Wallace-Sohn nichts mit dem Thriller zu tun, das Drehbuch schrieb Argento selbst nach Motiven des Romans "The Screaming Mimi" von Fredric Brown.
Es erzählt von dem amerikanischen Schriftsteller Sam (Tony Musante), der in Rom den vermeintlichen Mordversuch an einer Galeristin (Eva Renzi) beobachtet. Ein Unbekannter im schwarzen Mantel hat bereits mehrere Frauen auf dem Gewissen. Von der Polizei unter Druck gesetzt, beginnt Sam selbst mit Nachforschungen, während der psychopathische Killer weiter metzelt, und gerät bald selbst in Lebensgefahr...

Praktisch alle Elemente, die zum italienischen "Giallo" ('Giallo' für 'Gelb', die Farbe der Kriminal-Groschenromane, nach denen die Thriller gestrickt sind) zählen, sind hier vorhanden: der Amateur, der in eine Mordserie verwickelt wird, der Killer mit den schwarzen Handschuhen, ausgedehnte Mordsequenzen, welche die eigentliche Attraktion des Genres darstellen, ausgefallene Kameraperspektiven, originelle Titel, stimmungsvolle Soundtracks, die psycho-sexuelle Störung des Täters, sowie viele Außenaufnahmen an Originalschauplätzen, die ein herrlich authentisches 70er-Feeling vermitteln. Und natürlich darf die obligatorische Flasche "J&B"-Whisky nicht fehlen. Auch die schwächeren Elemente der "Gialli" werden bedient, zu denen unglaubwürdig konstruierte Plots, dünne Motivationen und merkwürdige Dialoge zählen.

Die Besetzung ist - auch das war üblich - ein wilder Mix aus Darstellern verschiedener Nationalitäten. Tony Musante ist ein hübscher und sympathischer Held (obwohl er und Argento nicht gut miteinander auskamen), der mehr unterspielt als übertreibt, ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen. Eva Renzi bleibt als attraktive Galeristin mit dunklem Geheimnis im Gedächtnis, die Show stehlen aber die Nebendarsteller in extrem skurrilen Rollen. So sehen wir Werner Peters als schwulen Antiquitätenhändler (der sich sofort an Musante heranmacht), Mario Adorf als egozentrischen Maler mit wilden Haaren (der gern Katzen zum Mittag isst), dazu noch einen kurzatmigen Privatdetektiv und einen weinerlichen Zuhälter, der stets seine Sätze mit "So long" beendet, damit er nicht stottern muss.

Argento kreiert einige fantastische Sequenzen, die beste davon kommt gleich zu Beginn, wenn Musante den Kampf Eva Renzis mit ihrem Angreifer beobachtet und dabei zwischen zwei automatischen Glasfenstern eingeschlossen wird. Wie in einem Aquarium kann er nur hilflos zuschauen, er ist selbst ein Ausstellungsstück.
Kunst und Kunstobjekte spielen (wie in vielen Argentos) ohnehin eine wichtige Rolle. Der Täter wird durch ein Bild zum Morden angeregt, ein Nachdruck des Bildes lässt Musante keine Ruhe, später wird er vom Mörder unter einer gewaltigen Statue eingeklemmt und kann erneut nur hilflos auf das rechtzeitige Eintreffen der Polizei warten.
Ein erzählerischer Kniff, den viele folgende "Gialli" anwendeten, ist das fehlende Detail. Musante weiß, dass er etwas bestimmtes übersehen bzw. fehlgedeutet hat, als er Zeuge des Überfalls auf Renzi wurde. Erst im Finale weiß er (zu spät), was dieses fehlende Detail war und erkennt die Identität des Killers. Dieser Kunstgriff hält den Suspense des Films aufrecht und bereichert den Whodunit um ein weiteres Rätsel.

Die weiteren Höhepunkte: Suzy Kendalls Panik, als der Killer vor ihrer Tür auftaucht und sie aus dem Apartment fliehen muss, sowie die aufregende Sequenz, in der Musante von einem Auftragskiller (Reggie Nalder, der schon in Hitchcocks "Mann, der zuviel wusste" für Geld tötete) durchs nächtliche Rom und über einen Omnibus-Stellplatz gehetzt wird.
Die ausgedehnten Mordszenen sind für heutige Verhältnisse nicht besonders blutig, durch Konzentration auf den Terror der weiblichen Opfer rutscht der Film aber (bewusst) in den Horror-Bereich. Das lange Messer, das der Killer benutzt, wird dabei deutlich sexuell aufgeladen (was nach der Auflösung des Falls nicht viel Sinn ergibt).
Die Erklärung des Psychiaters über den Schlussbildern ist einer der vielen Hitchcock-Verweise, wobei diese gar nicht unbedingt bewusst eingesetzt werden (Argento hat - im Gegensatz etwa zu De Palma - nie eine Hitchcock-Sequenz nachgestellt oder direkt imitiert), er benutzt lediglich die von Hitchcock entwickelten Stilmittel.

In der deutschen Synchronfassung übrigens wurde der Film von Rainer Brandt kaputtgemacht, der sich aus irgendeinem Grund berufen fühlte, die Werke, für die er als Synchronregisseur und Sprecher verantwortlich war, "witzig" aufzumotzen und an jeder Ecke dumme Sprüche einzubauen, wobei sein Humor weniger witzig als peinlich war. Ein ganz übles Kapitel der deutschen Filmbearbeitung.

Nach dem Riesenerfolg von DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE wurde Argento als 'italienischer Hitchcock' betitelt, ein Ruf, den er gar nicht wollte, und dem er in den folgenden (und leicht schwächeren) Gialli "Die neunschwänzige Katze" und "Vier Fliegen auf grauem Samt" nicht gerecht werden konnte.
Mit "Profondo Rosso" (Deep Red) schuf er 1975 den vielleicht ultimativen Giallo - und gab nebenbei dem Autor dieses Blogs seinen Namen.

Wer sich für den "Giallo" interessiert, kommt an DAS GEHEIMNIS... jedenfalls nicht vorbei. Er ist kein Meisterwerk des Schreckens, aber ein spannender und visuell einfallsreicher Thriller, der unzählige Nachahmer fand und heute noch gut anzuschauen ist.

10/10


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...