Freitag, 2. Juli 2010

Boom! - Brandung (1968)


Zu welch filmischen Höhenflügen das Paar Burton/Taylor fähig war, zeigen Klassiker wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Dass die beiden auch anders können, beweist BOOM - BRANDUNG von 1968, eine Filmkatastrophe gigantischen Ausmaßes. Die teure Produktion war ein kolossaler Flop an der Kinokasse, hat Taylors Karriere nachhaltig beschädigt und gilt heute als einer der großen schlechten Filme aller Zeiten.

Tennessee Williams verfasste das Drehbuch nach seinem eigenen Stück "The Milk Train Doesn't Stop Here Anymore", die Regie übernahm der vielfach ausgezeichnete Regisseur Jospeh Losey ("Der Diener"), gedreht wurde an malerischen Schauplätzen auf Sardinien, wo die stinkreiche und exzentrische Flora (Taylor) in einem pittoresken Anwesen, abgeschlossen von der Außenwelt, auf den nahenden Tod wartet, wenn sie nicht gerade Whisky und Pillen zu sich nimmt oder Blut spuckt. Bis eines Tages der junge Gigolo und Poet Chris (Burton) auftaucht und beide eine schrecklich-schöne Liaison beginnen...

Tennessee Williams hatte seine besten Tage in den späten 60ern bereist hinter sich (das zugrunde liegende Stück war ein Misserfolg), und seine frühere Dialogkraft und Sinn für komplexe Charaktere ist praktisch verschwunden. BOOM hat kein Thema und keine Substanz, die Figuren sind Karikaturen früherer Werke (die saufende Matrone aus "Süßer Vogel Jugend", der Gigolo/Todesengel aus dem "römischen Frühling der Mrs. Stone"). Die Schauspieler werfen sich unentwegt hohle Phrasen und bedeutungsschwangere Texte über den (Un-)Sinn des Lebens an den Kopf.

Richard Burton wirkt den gesamten Film hindurch entweder gelangweilt oder betrunken, meistens beides. Elizabeth Taylor hingegen übertreibt so schamlos, dass sie schnell jede Sympathie verliert. In einer indiskutablen Nebenrolle schämt sich Autor Noel Coward, der sich irgendwie in BOOM verirrt hat. Ausstattung und Kostüme sind von der Brandung der Geschmacklosigkeit überrollt worden, Taylors Garderobe ist so schreiend hässlich, dass man nicht weiß, ob man lachen oder sich mit Grausen abwenden soll.

Regisseur Losey hat keinen der Darsteller unter Kontrolle und spickt dafür seinen Film mit sprechenden Papageien, Schimpansen an Ketten und bizarren Randfiguren wie Taylors kleinwüchsigem Hausangestellten. Gerüchten zufolge war auch Losey selten nüchtern bei den Dreharbeiten, weil er mit seinem exzentrischen Star-Duo nicht zurecht kam. Man merkt es. Der Einzige, der bei BOOM einen guten Tag hatte, ist Komponist John Barry, dessen atmosphärischer Score zu seinen besten zählt.

Nun gibt es Filme, die so schlecht sind, dass sie unglaublich gut unterhalten, und sowohl Burton als auch Taylor haben ein paar davon gemacht (z.B. "Hotel International"), aber BOOM gehört nur bedingt dazu. Er besitzt einen gewissen morbiden Reiz, und für mich persönlich sind Taylor/Burton immer irgendwie ein Genuss, egal wie schlecht. Wer aber etwas von der Qualität einer "Katze auf dem heißen Blechdach" oder "Nacht des Leguan" erwartet (zwei Williams-Bearbeitungen, in denen Taylor und Burton jeweils brillante Darstellungen zeigen), der dürfte sehr enttäuscht sein. Freunde des gepflegten Trash-Kinos könnten ihn wegen seiner Verkehrsunfall-Qualität mögen.

Zum Schluss sei angemerkt, dass Losey und Taylor später den ebenso seltsamen, aber ungleich besseren "Die Frau aus dem Nichts" zusammen gemacht haben. So hat jede Katastrophe auch ihr Gutes.

04/10

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