Montag, 19. Juli 2010

Blut an den Lippen (1971)

Wer in seinem Leben nur einen einzigen Vampirfilm sieht, sollte sich für BLUT AN DEN LIPPEN (Le Rouge Aux Lèvres) entscheiden.
Diese bizarre Mischung aus Kunst, Trash und Erotik des Belgiers Harry Kümel genießt verdienten Kultstatus und ist einer der schönsten, faszinierendsten und merkwürdigsten Horrorfilme aller Zeiten.

BLUT AN DEN LIPPEN beginnt und endet mit einer Reise. Das jung vermählte Paar Stefan und Valerie (John Karlen und Danielle Ouminet) liebt sich im Nachtzug und erreicht am frühen Morgen Ostende, wo sie in einem Strandhotel absteigen, das sich nicht nur buchstäblich "außerhalb der Saison" befindet. Es ist gespenstisch leer bis auf ein paar Bedienstete, doch dann trifft die geheimnisvolle Gräfin Elizabeth Bathory (Delphine Seyrig) ein. Gemeinsam mit ihrer vampirischen Geliebten (Andrea Rau) macht sie sich an das junge Paar heran und zieht sie in einen Strudel aus Leidenschaft, Sex und Kunstblut...

Kümels Film ist trotz drastischer Szenen von Sex und Gewalt ein Meisterwerk der Andeutung und Suggestion. Nichts ist klar, alles bleibt ungesagt, sogar die Zeit der Handlung ist unbestimmt. Der Portier erkennt in der Gräfin dieselbe Frau, die schon vor vierzig Jahren im Hotel abgestiegen ist und sich nicht verändert hat. Die angebliche dominante Mutter von Flitterwöchner Stefan, wegen der er heimlich heiraten musste, ist in Wirklichkeit ein älterer Mann, mit dem er zusammenlebte. Eine Leiche, die in Brügge gefunden wird, schockiert die Touristen und erregt Stefans sexuelles Interesse. Die anfängliche Liebe des Hochzeitspaars weicht bald Unterdrückung. Seine verdrängte Homosexualität kompensiert Stefan durch gewalttätige Ausbrüche. Die offen lesbische Beziehung zwischen der Gräfin und ihrer Geliebten ist dagegen liebevoll und stark.

Der Name Elizabeth Bathory steht natürlich für die berühmt-berüchtigte ungarische "Blutgräfin", die angeblich im Blut von Jungfrauen badete, um ihre Jugend und Schönheit für die Ewigkeit zu bewahren.
Delphine Seyrig, Kultfigur des europäischen Kinos ("Letztes Jahr in Marienbad"), spielt diese Vampirin als eine Art Marlene Dietrich in unglaublichen Roben und mit großen Gesten. Ihre Schönheit ist geradezu unheimlich, sie ist die vollkommene Eleganz, die perfekte Verführerin, niemand kann ihr widerstehen. Sie reist nicht in einer Kutsche, sondern in einem blutroten, schnittigen Sportwagen, der wie eine Schlange wirkt. Ihr schwarzes Cape erinnert an die Flügel einer Fledermaus.

Regisseur Kümel verbindet so das klassische Gruselkino der Mythen und Legenden mit dem exzessiven, modernen Exploitation-Kino zu einem künstlerisch anspruchsvollen Werk der Stimmungen und Bilder, die in dieser Form einzigartig sind. Als Trash vermarktet, wurde er ein großer Hit, aber seine formale und inhaltliche Brillanz wurde erst spät gewürdigt.
BLUT AN DEN LIPPEN ist ein Film (fast) ohne Humor, ein bildgewaltiges Drama um kranke Beziehungen und ewiges Leben. Tony Scotts "Begierde" (1983) hat sich - wie viele andere - reichlich bedient.

Für Horror-Fans ist Kümels Kultfilm ein absolutes Muss!

9,5/10

Die Vampirin und ihr neues Opfer

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