Samstag, 31. Juli 2010

Baby Doll (1956)

Eine schmutzige Geschichte aus dem Süden.

Die 19-jährige Baby Doll (Carroll Baker) wurde von ihrem Vater vor dessen Tod genötigt, den Baumwollmühlenbesitzer Archie ( Karl Malden) zu heiraten, damit sich jemand um sie kümmert und die Familienplantage weiterführt. Archie musste versprechen, seine minderjährige Frau nicht vor dem 20. Geburtstag anzufassen und die Ehe zu vollziehen. Dieser Tag steht kurz bevor, und Archie kurz vor der Explosion.
Da taucht unerwartet der Sizilianer Vacarro (Eli Wallach) auf, ein erfolgreicher Konkurrent, dessen Büro von Archie aus Wut angezündet wurde. Um sich für die Brandstiftung zu rächen, macht Vacarro sich an Baby Doll heran, und es beginnt ein Psychokrieg um das naive Mädel...

Tennessee Williams schrieb selbst das Drehbuch nach seinem Bühnenstück und fungierte auch als Co-Produzent, die Regie übernahm Elia Kazan, dessen Williams-Verfilmung "Endstation Sehnsucht" (1951) zu den Sternstunden des Hollywood-Kinos zählt.

BABY DOLL (Baby Doll) entfachte einen nie dagewesenen Sturm der Entrüstung, als er das Licht der Leinwand erblickte. Die katholische "Legion of Decency" (allein dieser Name...) forderte sein Verbot und rief zum Boykott auf. "Time" nannte ihn den "dreckigsten amerikanischen Film, der jemals legal zu sehen war". In mehreren Ländern - wie Schweden - wurde er gleich ganz verboten. Seriöse Kritiker zeigten sich mehr als überrascht von der deutlichen sexuellen Offenheit des Films, den man nicht als Drama, sondern als schwarze Komödie verstehen sollte. Noch heute ist er kaum zu sehen, und gegen die berühmten und allseits verehrten Williams-Verfilmungen "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1958) oder "Endstation Sehnsucht" wirkt BABY DOLL tatsächlich wie das unanständige schwarze Schaf einer respektablen Familie.

In der Welt von BABY DOLL existiert kein einziger sympathischer Charakter, auch ehrliche Gefühle sind weit und breit nicht zu sehen. Bei allem Streit und Drama zwischen den Familienmitgliedern in Williams' Stücken weiß man doch immer, wer wirklich ehrlich zueinander steht. In BABY DOLL manipulieren sich alle Figuren nur gegenseitig, sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Abschaum und haben der Welt außer der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse nichts zu geben. Die Aufmerksamkeit, die Carroll Baker als Baby Doll von beiden Männern erhält, hat mit Zuneigung nichts zu tun. Der eine will ihr endlich an die Wäsche, der andere will sie nur benutzen, um seinen Widersacher zu demütigen. Keine der Figuren besitzt irgendeine Form von Bildung (Baby Doll hat nach der 4. Klasse die Schule abgebrochen), Anstand, Erziehung oder Klasse.

Der Charakter der Baby Doll machte Carroll Baker ebenso berühmt wie berüchtigt. Als beinahe erwachsene Frau verhält sie sich durchweg wie ein Kleinkind, sie lutscht am Daumen, schläft in einer Wiege, albert herum und macht sich entweder über ihren notgeilen Mann lustig oder schreit ihn an, weil er zu nichts imstande ist. Ihr ehemals schönes Haus ist ein einziger Dreckstall (der Verfall des ehemals "glorreichen" Südens von "Vom Winde verweht" ist überall spürbar), Ehemann Archie Lee ist ein schmieriger Versager, wie er im Buche steht.
Karl Malden, der schon in Elia Kazans "Endstation Sehnsucht" glänzte, zeigt hier eine umwerfende Darstellung. Er beobachtet seine Frau durch Löcher in der Wand und dreht vor sexuellem Notstand fast durch. Ihrer Demütigung hat er nur Brutalität entgegenzusetzen. Eli Wallach hingegen spielt in seinem Filmdebüt eine völlig untypische Rolle als abgebrühter Verführer und hinterhältiger Charmeur.

Regisseur Elia Kazan filmt das Geschehen in kontrastreichen Schwarzweißbildern und treibt seine Darsteller wie gewohnt zu Höchstleistungen. In der wohl bemerkenswertesten Sequenz weckt Eli Wallach in der unbedarften Baker zum ersten Mal das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit, vielleicht auch Sex, während sie beide auf einer Schaukel sitzen. In dieser sehr langen, wortreichen (und symbolischen) Szene knistert es gewaltig, und Bakers Wandlung vom unreifen Gör zur mitfühlenden Frau vollzieht sich praktisch vor den Augen des Zuschauers völlig naturalistisch. Eine wundervolle Sequenz in einem unglaublich unterschätzten Film.

BABY DOLL erhielt mehrere Oscar-Nominierungen, aber die öffentliche Meinung war so gegen den Film, dass er keine Chance hatte. Aufgrund der Boykott-Aufrufe und der Tatsache, dass viele Kinos diesen folgten und den Film aus dem Verleih nahmen, war er auch kein finanzieller Erfolg. - Ein gutes und warnendes Beispiel für die Zensur durch selbsternannte Hüter der Moral, und wir wissen ja alle, wie 'moralisch' gerade die katholische Kirche in Sachen Minderjähriger agiert.

BABY DOLL ist ein hervorragender, ungewöhnlicher Filmklassiker sowie großes Schauspielerkino, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

09/10

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