Freitag, 4. Juni 2010

Vertigo - Aus dem Reich der Toten (1958)

Wenn ich den besten Film Alfred Hitchcocks nennen müsste, würde ich nicht lange überlegen und VERTIGO wählen. Das mag langweilig sein, weil er für so viele Hitchcocks bester Film ist, aber er bestätigt seinen Status mit jedem neuen Sehen.

Die Handlung: der unter Höhenangst leidende James Stewart soll im Auftrag eines alten Mitschülers dessen Ehefrau Kim Novak beschatten, die von einer Todessehnsucht befallen scheint. Nicht lange, und Stewart verliebt sich in die geheimnisvolle Schöne, kann ihren Selbstmord aber aufgrund seiner Phobie nicht verhindern. Er trauert der verstorbenen Liebe nach, bis er unerwartet deren Doppelgängerin auf der Straße begegnet. Er spricht sie an, die beiden lernen sich kennen und lieben, immer mehr versucht Stewart, sie in die tote Novak zu verwandeln, ahnt aber nicht, dass es sich um ein- und dieselbe Person handelt...

Hier liegt einer der großen Clous des Films. Von der Kritik missachtet und als zu frühe Auflösung des Rätsels abgewertet, erreicht VERTIGO erst durch diesen erzählerischen Kunstgriff wahre Größe, denn für den Rest des Films sind wir auf Gedeih und Verderb an James Stewart gekettet und warten auf dessen Entdeckung, dass die Doppelgängerin gar keine ist. Die Vorlage zu VERTIGO schrieben die französischen Autoren Boileau/Narcejac, die bereits die Romanvorlage für Clouzots "Die Teuflischen" verfassten. Während Clouzot aber auf den Überraschungseffekt setzte, wählt Hitchcock die emotionale Variante und gibt dem Zuschauer die Lösung an die Hand, lange bevor Stewart sie ahnt.

Seine Besessenheit, die tote Geliebte wieder zum Leben zu erwecken, nimmt dabei ebenso pathologische Züge an wie Sean Connery in Hitchcocks "Marnie", der sich in die Diebin Tippi Hedren verliebt, weil - und nicht obwohl - sie eine Diebin ist. Die Beziehung Stewarts zu Novak ist gekennzeichnet durch Fetische und Obsessionen. Hitchcock lässt hier tief in eigene Abgründe blicken, wenn die brünette und stark geschminkte "sexy" Novak unter Stewarts dominanter Anleitung in die kühle Blondine verwandelt wird, so wie Hitchcock es selbst mit Grace Kelly, Hedren und anderen seiner Leading Ladies praktiziert hat. Obwohl Stewart den kontrollierenden Part dieser S/M-Beziehung übernimmt (er bestimmt, wo gegessen wird und was sie anzieht), ist er ihr doch komplett verfallen. Wenn sie endlich aussieht wie die Verstorbene, werden beide in einen Kamerastrudel gezogen, in dem Zeit und Realität aufgehoben sind. Sie existieren nur noch für sich und fernab vom Rest der Welt.

Selten hat ein Regisseur in einem Hollywood-Mainstream-Film der 50er seine Fetische so deutlich auf die Leinwand gebracht - dazu gehören auch Schuhe, Kleider, Frisuren, Kunst und Essen. Alles ist drin in VERTIGO, und er ist doch so viel mehr. VERTIGO hat Generationen von Kinogängern und Filmemachern beeinflusst, unzählige Imitationen hervorgebracht (die besten von De Palma), Bernard Herrmanns Musik ist unsterblich und untrennbar mit dem Film verbunden, James Stewart war nie sensibler (oder gestörter) als in diesem Meisterwerk. Kim Novak spielt hier ihre beste Rolle, sie verleiht beiden Charakteren (die nicht wirklich zwei Charaktere sind) Schönheit, Anmut und Verletzbarkeit. Zu Beginn wirkt sie tatsächlich nicht wie von dieser Welt, später dann umso mehr.

San Francisco wird als Schauplatz von Hitchcock wieder optimal genutzt, indem er mehrere Sehenswürdigkeiten dramaturgisch einbindet und gleichzeitig auch eine einzigartige Atmosphäre schafft. Der verschlungene Plot von VERTIGO spielt sich auf abschüssigen Straßen, in nebligen Wäldern und auf sonnendurchfluteten Friedhöfen ab. Sowohl in der Golden Gate-Bridge-Sequenz wie auch im Märchenwald der Riesenbäume, 'Muir Woods', schrumpfen die Charaktere und ihr Liebeswahn auf unbedeutende Größe. Eine Aura von Tod und Verfall liegt über der Stadt und der Geschichte. Novak steigt in einem alten Hotel ab, sitzt vorm Porträt einer längst Verstorbenen, zupft Blätter von Blumen und sitzt in einer Kutsche mit vorgespanntem Pferd aus Holz. Alles ist vergangen und tot, sie wird es auch bald sein. James Stewart bleibt zwar am Leben, hat aber keine Hoffnung auf Heilung der Wunden durch Liebe und Schuld, Hitchcocks Lieblingsthemen.
Der Krimi interessiert Hitchcock dabei so wenig, dass er sogar den bösen Drahtzieher des Mordplans davonkommen lässt, bzw. diesen über die Liebesgeschichte vergisst, und das mit Absicht. Er vertraut darauf, dass das Publikum sich nur noch für Stewart/Novak und den Ausgang der tragischen Romanze interessiert, und das stimmt.

In einer Nebenrolle überzeugt "Miss Ellie" Barbara Bel Geddes in einer der starken Frauenrollen, die bei Hitchcock immer nur als Sidekick auftauchen, nie in der Hauptrolle (zumindest nicht in seinen amerikanischen Filmen). Sie liebt ebenfalls über alle Maßen, hat den Kontakt zur Außenwelt aber noch nicht verloren und kann den Film deshalb fast unbeschadet überstehen. Alle, die sich der Liebe hingeben, werden vom Schicksal gnadenlos bestraft. VERTIGO ist ein so hemmungslos romantischer und doch zynischer Film, der klarstellt, dass es für idealisierte Liebe keine Hoffnung gibt.

Ein wundervoller Film, immer wieder. Wer das Vergnügen hatte, ihn im Kino sehen zu können (vor oder nach der Restauration), wird dieses Erlebnis nie vergessen.

25/10

Kommentare:

  1. Gern geschehen, war mir ein Bedürfnis! Ich glaube, James Stewart hatte gar keine Obsessionen als aufrechter Amerikaner, oder? :-) Das sind natürlich alles Hitchcocks Fetische. Wer weiß, was er sich vielleicht noch alles nicht traute, zu zeigen?

    Gruß von Mathias

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  2. Brillante Rezension zu einem brillanten Film. Chapeau!

    Gruß, Pia

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