Mittwoch, 23. Juni 2010

Sie leben (1988)

Basierend auf der Kurzgeschichte "Eight O'Clock in the Morning" von Ray Nelson inszenierte John Carpenter 1988 seine schräge Sci-Fi-Groteske SIE LEBEN (They Live).
Nach einigen teuren Flops ("Big Trouble in Little China") besann er sich auf seine Wurzeln und entwickelte nach dem gelungenen "Die Fürsten der Dunkelheit" seine originelle Idee erneut ohne großes Budget und Stars.

Wrestlingstar Roddy Piper spielt den heimatlosen John Nada ("Nada" für "Nichts"?), der als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle anheuert. Nach mehreren merkwürdigen Vorkommnissen gerät er an einen Karton mit Sonnenbrillen, durch die man die Welt sieht, wie sie "wirklich" ist. Außerirdische, zombiehafte Monster haben die Menschen völlig unter ihrer Kontrolle, die Werbeplakate zeigen simple Befehle wie "Gehorcht!" und "Konsumiert", die Reichen und Schönen verbergen hinter ihren menschlichen Fassaden abscheuliche Fratzen, während sie die Armen ausbeuten. Bald schon wird Nada gnadenlos gejagt und beschließt, zurückzuschlagen...

Dies ist eine fantastische Sci-Fi-Idee, wie sie ideal in die "Twilight Zone" passen würde, und sie kommt dem liberalen Carpenter gerade recht für seine Abrechnung mit der Reagan-Ära und den Yuppie-Werten der 80er. Der Mittelteil des Films, der das "Erwachen" von Nada schildert, ist dabei mit Abstand am besten gelungen. Carpenter setzt die "wahrhaftige" Welt in Schwarzweiß in Szene, um sie formal abzugrenzen, die Masken der Außerirdischen sind entzückend scheußlich.
Carpenters Satire ist ebenso grob wie deutlich - alle Machthaber und ihr Fußvolk, inklusive Behörden und Polizei, gehören zu den Aliens, alle "Normalbürger" und Arbeiter sind nur Marionetten. Das ist nicht besonders differenziert oder feingeistig, das muss eine Satire aber auch nicht sein. Carpenters Holzhammer-Methodik funktioniert auf amüsantem wie spannendem Niveau und sorgt gleichermaßen für Lacher wie Gänsehaut.

Was SIE LEBEN darüber hinaus so besonders macht, ist Carpenters Zeichnung der Lebenswirklichkeit seines Helden. Die Darstellung von Nadas Arbeitsumfeld und Wohnsituation (eine Großbaustelle und ein Obdachlosen-Camp) ist für Hollywood-Verhältnisse geradezu atemberaubend realistisch. Carpenter führt Nada als Streuner ein, der sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn kein Zuhause hat. Wir erfahren nur wenig über Nadas Vorgeschichte, aber er ist ein absolut ungewöhnlicher (Anti-)Held für einen Actionfilm, den man so eher im 70er-Kino finden würde.
Nada/Piper ist das Alter Ego seines Regisseurs, der sich im klassischen Autorenkino heimisch fühlt und mit dem auf Blockbuster und Spielberg'scher Harmlosigkeit angelegten 80er-Kino nichts anfangen kann.

Eine brutale Polizeiaktion, bei der das Camp praktisch überrollt wird, weist den Außenseiter-Regisseur Carpenter klar als Kind der 70er aus. Während im 80er-Kino längst die Jagd nach Geld und Macht dominierten, bleibt er seinem Misstrauen gegenüber staatlichen Organisationen, Kirche und Kapital treu. Die Widescreen-Kamera von Gary B. Kibbe leistet wie üblich bei Carpenter hervorragende Arbeit, und Carpenters Musik sorgt wie immer für atmosphärische Begleitung.

Die Schwächen von SIE LEBEN liegen beim Drehbuch und der Besetzung. Carpenter, der selbst das Buch verfasste, braucht zu lange, um zu seinem Kernpunkt zu kommen, der "Alien-Vision". Die Ereignisse vorher sind nicht uninteressant, aber die Geduld des Zuschauers wird arg strapaziert, besonders für diejenigen, die schon wissen, worum es im Film geht. Diese Struktur schadet auch dem mehrmaligen Sehen, bei dem das erste Drittel zäher und zäher wirkt.
So lange Carpenter für den ersten "Einsatz" der Sonnenbrillen braucht, so zeitig bricht er den Film ab. Man merkt, dass die Idee im Grunde für eine Kurzgeschichte besser geeignet ist, denn ab dem Zeitpunkt der "Offenbarung" für Nada passiert zwar viel - es wird geschossen, aus Fenstern gesprungen und gerannt - die Idee selbst aber wird nicht weiterentwickelt, und der Film endet ebenso abrupt wie unbefriedigend - wobei man sagen muss, dass Carpenters angehängter Epilog sehr komisch ist (alle Welt kann nun die wahre Gestalt der Aliens erkennen, und ein TV-Filmkritiker in Alien-Gestalt beschwert sich über die Gewalt im Kino eines Carpenter und Romero).

Anders als in seinem Kult-Klassiker "Die Klapperschlange" gelingt es Carpenter hier nicht wirklich, seine originelle Idee mit einer schlüssigen, spannenden Geschichte zu verbinden. Eine lange Prügelei zwischen Piper und Co-Star Keith David wird von Carpenter (bewusst) so ausgewalzt, dass sie zur Absurdität verkommt und den Film kurz zum Stillstand bringt.
Wrestler Roddy Piper ist leider nur ein schwacher Ersatz für einen Kurt Russell, der so oft Carpenters erste Wahl war. Piper besitzt die nötige physische Präsenz, aber er kann kaum Emotionen ausdrücken. Auch der Rest des Casts bleibt unbeeindruckend, wenngleich solide. Der Verzicht auf Stars kommt dem Film und seinem Milieu sicher zugute, aber ein paar schauspielerische Glanzlichter in Nebenrollen wären schön gewesen (wo ist Donald Pleasence, wenn man ihn braucht?).

Auch wenn das nach einiger Kritik klingt, kann ich SIE LEBEN ganz klar empfehlen. Carpenters Film mag nicht ganz rund sein, aber er ist amüsant, persönlich, weist eine klare Handschrift auf und ist dank der genialen Grundidee sehr viel unterhaltsamer als die meisten Vertreter des späten 80er-Kinos. SIE LEBEN ist ganz klar der Film eines Außenseiters, der sich mit dem aktuellen Hollywood-Kino und der gesellschaftlichen Situation nicht abfinden will, das macht ihn ebenso sympathisch wie bemerkenswert.

07/10

Kommentare:

  1. ist schon länger her, dass ich den Film sah, aber ich habe ihn genau wegen seiner Grundidee noch in bester Erinnerung. prima unterhaltsame Kapitalismuskritik - wo gibt's die noch?

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  2. Bei Pollesch! Da gibt's auch die authentischen Kühe! :-) Liebe Grüße!

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