Dienstag, 15. Juni 2010

Sadistico (1971)

Clint Eastwoods Regiedebüt SADISTICO - WUNSCHKONZERT FÜR EINEN TOTEN (Play Misty For Me) erzählt die Geschichte des Radio-DJs Dave Garver (Eastwood), der nach einem erotischen Stelldichein mit seinem größten Fan Evelyn (Jessica Walter), die sich stets per Telefon in seiner Sendung meldet und um den Song "Misty" bittet (daher der Originaltitel), selbige nicht mehr los wird. Die anfangs nette und lockere Evelyn entwickelt schnell psychopathische Züge. Als ein Selbstmordversuch nicht die gewünschten Ergebnisse bringt, geht sie bald mit dem Messer auf Daves Hausmädchen, Geliebte und schließlich ihn selbst los...

SADISTICO war das Vorbild des späteren Welthits "Eine verhängnisvolle Affäre" von Adrian Lyne, der praktisch die gleiche Story bis in Details und Dialoge aufweist. Im Gegensatz zu der gelackten 80er-Atmosphäre von Lynes Schocker besitzt SADISTICO - auch durch die Verwendung vieler Außenaufnahmen und Originalschauplätze - eine fast dokumentarische, unkonventionelle Qualität.
Eastwoods Film lebt in erster Linie von den packend inszenierten Suspense-Sequenzen und der furiosen Darstellung seiner Hauptdarstellerin Jessica Walter als One Night Stand aus der Hölle. Tatsächlich offenbart der Film seine Schwächen immer dann, wenn Walter gerade nicht zu sehen ist.

Walter offenbart schon früh merkwürdige Verhaltensweisen, zu denen unangemessene Beschimpfungen und Belästigung gehören. Wenn sie später mit dem Messer auf Unschuldige losgeht, bekommt man ernsthaft Angst vor ihr. Mitleid hat man hingegen nie, das ist so gewollt und betrifft auch die von Eastwood gespielte Hauptfigur. Als DJ Dave ist er ein kühler, reichlich oberflächlicher Macho, der sich nimmt, was er will und gelegentlich auch einen schwulenfeindlichen Spruch loslässt ("Geh dir ein paar Matrosen aufreißen", sagt er zum schwulen Freund seiner Geliebten). Er bestimmt die Regeln ("No Strings Attached"). Insofern bekommt er nur, was er verdient.
Kritiker haben dem Schauspieler Eastwood oft vorgeworfen, keine große Bandbreite zu besitzen, und dem kann man zustimmen, doch seine Darstellung in SADISTICO ist für die Rolle perfekt. Selbst wenn er die Nacht mit Jessica Walter im Arm verbringt, die sich gerade die Pulsadern aufgeschnitten hat, offenbart er kein Mitgefühl, sondern nur Abscheu. Das ist keine Schwäche des Darstellers, sondern der Figur.

Im Grunde ist SADISTICO ein Film über einen Haufen unsympathischer Zeitgenossen (für die 70er keine Seltenheit). Was die Frauenfiguren angeht, fehlt SADISTICO leider - ebenso wie seinem Protagonisten - das nötige Einfühlungsvermögen.
Die von Donna Mills gespielte Freundin Eastwoods, für die er aufrichtige Gefühle hegt, ist eine dumme Blondine, die pausenlos über ihren Seelenzustand plappert und keinerlei Charakter aufweist (sie ist zu blöd, den Bunsenbrenner auszuschalten, wenn sie das Haus verlässt). Das lässt einerseits tief blicken, was Daves Vorliebe betrifft, andererseits schmälert das ein wenig den Schrecken der Schluss-Szenen, wenn Mills in Lebensgefahr gerät. "Du bist so dumm", sagt Walter, wenn sie mit der Schere auf Mills losgeht, und man will sofort zustimmen.
Über Jessica Walters Vorleben erfahren wir nichts (arbeitet sie eigentlich irgendwo?), und die Aufteilung "saubere" Blondine/ gemeingefährliche Brünette wirkt reichlich verstaubt. Die Tatsache, dass alle Frauen im Film hinter Eastwood her sind (sogar eine ältere Geschäftsfrau flirtet mit ihm), die Damen selbst aber kaum einen überzeugenden Background erhalten, macht den Film durchaus zwiespältig. Das würde dem heutigen Regisseur Eastwood nicht mehr passieren.
Es hilft auch nicht, dass Eastwood und Mills in ihren gemeinsamen Szenen grundsätzlich ewige Spaziergänge am Strand machen, wenn eigentlich der Thriller weitergehen müsste. Auch eine eingeschobene Passage vor dem letzten Akt, die den Besuch des Monterey Jazzfestivals schildert, bringt den Film vorübergehend zum Stillstand. Und über die Liebes-Montage, die mit Eastwood und Mills nackt unter einem Wasserfall endet, schweigen wir lieber.

Die Suspense- und Mordsequenzen sind dagegen fantastisch inszeniert (hatte hier Eastwoods Freund und Regisseur Don Siegel seine Hände im Spiel? Immerhin spielt er kurz als Barkeeper mit), ganz besonders Walters Angriff auf Eastwoods Hausmädchen lädt zum Kreischen ein. Regisseur Eastwood nutzt die Locations rund um seine Lieblingsstadt Carmel für grandiose Außenaufnahmen, die dem Film ein authentisches Zeit- und Ortsgefühl verleihen. Ausstattung und Musikauswahl stimmen auf den Punkt.

Auch wenn SADISTICO gelegentlich Tempo und Fokus aus den Augen verliert, ist er immer wieder gut geeignet für 90 Minuten spannende Unterhaltung.

07/10

Kommentare:

  1. Hi Mathias,

    na, Du sezierst diesen netten Streifen ja ziemlich "sadistisch" auseinander. Frauen sind bekanntlich nicht immer nett und gebildet. Hauptsache, Burgomaster Clint behält die Kontrolle über alles. Wer an einem sonnigen Tag das sanfte Rauschen des Meeres am Strand von Carmel erlebt hat, der geniesst diesen Film mit der nötigen Gelassenheit.

    Gruss Ralf

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  2. Ich glaube - das mag ein Gerücht sein, es gibt bei Frauenfiguren noch etwas zwischen nett/gebildet und blöd/gemein. Ich hätte mich jedenfalls für Walter entschieden - was ist schon ein bisschen verrückt gegen todlangweilig?
    Gruß von Mathias

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  3. Hi Mathias,
    natürlich hast Du Recht: Die Liebesszene ist kitschig bis zum Umfallen, aber als überzogener Kontrast zum Terrors einfach gut gemacht, wie ich finde.
    Liebe Grüsse...

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  4. Hi Ray, wenn sie nur nicht so lange dauern würde... :-)
    LG!

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