Donnerstag, 24. Juni 2010

Humoreske (1946)

Nachdem Joan Crawford ihren verdienten Oscar für ihren wohl besten Film, "Mildred Pierce" (Solange ein Herz schlägt) erhielt und damit ein furioses Comeback feierte, übernahm sie die Rolle der Helen in HUMORESKE (Humoresque), die eigentlich nur als Nebenrolle gedacht war, für Crawford aber vergrößert wurde. Zwar tritt sie erst nach 30 Minuten Filmzeit auf, dominiert danach aber den gesamten Film. Kritiker halten diesen neben "Mildred Pierce" und "Possessed" (Hemmungslose Liebe) für den besten Crawford-Film.
Ohne mäkelig sein zu wollen, in meinen Augen hat HUMORESKE ein paar große Schwächen, und was Musiker-Melodramen anbelangt, ziehe ich jederzeit Bette Davis' "Trügerische Leidenschaft" vor (das hätte die gute Joan sicher gar nicht gern gehört).

In HUMORESKE spielt John Garfield den begnadeten Violinisten Paul Boray, der sich aus ärmlichen Verhältnissen zum umjubelten Geigenvirtuosen hocharbeitet und die reiche Mäzenin Crawford kennen lernt. Crawford steckt in einer lieblosen Ehe, die sie mit viel Alkohol und Liebschaften kompensiert, in Garfield aber verliebt sie sich ernsthaft. Für ihn jedoch kommt die Musik immer an erster Stelle, und bald schon droht die Beziehung endgültig zu scheitern...

Die oben erwähnten Schwächen haben alle nichts mit Crawford zu tun. Sie ist vom ersten Auftritt an (auf einer Party steckt sie sich eine Zigarette zwischen die Lippen und bekommt umgehend von sechs Männern gleichzeitig Feuer gereicht) der glamouröse Star und liefert dazu noch eine hervorragende schauspielerische Leistung ab. Sie säuft, raucht, flucht und flirtet, was das Filmmaterial hergibt, und auch unter Alkoholeinfluss sieht sie noch umwerfend aus (sie gehört zu den typischen Film-Alkoholikern, die noch im Vollrausch zu sarkastisch-brillanten Bemerkungen fähig sind). Ihre Garderobe ist exquisit, und ihr finaler Abgang, wenn sie im Abendkleid am nächtlichen Strand der rauschenden Brandung entgegenstolpert (zu Wagners "Liebestod"), ist großes Kino.

John Garfield, der sonst eher auf schlichte Draufgänger abonniert war, zeigt ebenfalls eine ansprechende Leistung, auch wenn er sein Rüpel-Image nie abschütteln kann ("Sie sehen aus wie ein Profi-Boxer" sagt ein Partygast zu ihm und hat damit völlig recht). Glücklicherweise ist das auch Regisseur Jean Negulesco bewusst und lässt Garfield durchweg flegelhaft agieren. Die Szenen zwischen Garfield und Crawford knistern vor Spannung.

Das kann man leider nicht von allen übrigen Szenen sagen. Mit seinen zwei Stunden Laufzeit ist HUMORESKE deutlich zu lang für den dünnen Plot. Der Film war ein teures Prestige-Projekt, und das merkt man in jeder Einstellung, aber viele Szenen sind extrem geschwätzig, insbesondere die Auseinandersetzungen zwischen Garfield und seinem Freund/Pianisten Oscar Levant, der einfach nie die Klappe hält. Die wundervolle Joan Chandler (aus Hitchcocks "Rope") ist mit einer undankbaren Rolle gestraft (das langweilige "nette" Mädel), und - das mag jetzt die Musikliebhaber abschrecken - es wird viel zu oft musiziert, wenn die Handlung weitergehen sollte. Natürlich ist HUMORESKE nun mal ein Film über einen Musiker, aber die Szenen, in denen Garfield Violine spielt, fühlen sich endlos an.

Ein gutes Beispiel für die Langatmigkeit des Drehbuchs ist der Beginn (HUMORESKE wird als große Rückblende erzählt), wenn wir die Kindheit von Garfield erleben. Negulesco braucht für einen simplen Vorgang, der in wenigen Minuten erzählt werden könnte (Vati nimmt Klein-Garfield mit in den Gebrauchtwarenladen an der Ecke, wo er sich ein Geburtstagsgeschenk aussuchen soll, Garfield möchte eine Violine, aber Papa ist dagegen. Mutti kauft später heimlich die Violine für ihren Sohn), eine halbe Ewigkeit.
Kein Wunder, dass der Crawford-Fan ungeduldig auf die Uhr schaut, wo sein Star denn bleibt. Ein wenig Straffung und Kürzung hätten dem Film aus meiner Sicht gut getan.

Trotz der Kritik ist HUMORESKE ein sehr unterhaltsames Melodram mit vielen Schauwerten, einer fabelhaften Crawford, einer Menge klassischer Violinkonzerte und einem grandiosen Finale.

06/10

Kommentare:

  1. Bravo, Mathias! Endlich hat mal jemand ausgesprochen, was ich auch denke. Nämlich: Zu lang und zu viel Musik. Danke dafür. ;-)

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  2. Das höre ich aber gern, ich las nämlich auch nur begeisterte Kritiken und war doch enttäuscht. Crawford im Abendkleid am Strand ist aber göttlich. LG!

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  3. Das stimmt! Da weiß man dann wieder warum man den ganzen Film durchgehalten hat! ;-)

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