Montag, 14. Juni 2010

Hexensabbat (1977)

Michael Winners Verfilmung von Jeffrey Konvitz' Roman HEXENSABBAT (The Sentinel) ist ein Best-of aller erfolgreichen 70er-Horrorfilme, er enthält ein bisschen "Rosemaries Baby", natürlich den "Exorzisten" sowie einige weitere populäre Zutaten. Trotzdem kann er durch einige drastische Geschmacklosigkeiten und eine interessante Besetzung überzeugen. Die nicht gerade billige Produktion der renommierten Universal-Studios (es war die Zeit, als der Horrorfilm den Mainstream eroberte) macht aber insgesamt einen überraschend schundigen Eindruck unter der glanzvollen Oberfläche.

Die Story: das junge New Yorker Model Cristina Rains bezieht ein Apartment in einem düsteren Anwesen am Hudson River. Im obersten Stock wohnt ein blinder Priester, der unentwegt aus dem Fenster starrt ("Wo sieht er denn hin?", fragt Rains berechtigt), aber auch die anderen Mieter haben es in sich: zwei schräge lesbische Damen (Sylvia Miles und Beverly D'Angelo), ein noch schrägerer Katzenliebhaber (Burgess Meredith) und jede Menge finsterer Gestalten tummeln sich dort. Nur, laut Maklerin (Ava Gardner) lebt außer Rains und dem Priester angeblich seit Jahren niemand im Haus... und warum tauchen plötzlich überall Priester auf?

Die Prämisse von HEXENSABBAT ist durchaus originell. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei den mysteriösen Bewohnern um verstorbene Mörder, die von der Hölle entsandt wurden, Rains in den Wahnsinn und Selbstmord zu treiben, denn sie ist auserwählt, die nächste Wächterin ( der "Sentinel") zu sein. Wofür? Für das Tor zur Hölle, das der Priester über ihr seit Jahren bewacht! Donnerwetter, oder?

Die erste Filmhälfte ist dabei sehr gelungen. Regisseur Michael Winner ("Ein Mann sieht rot") macht keinen Schnickschnack, sondern geht gleich ans Eingemachte - in einer Rückblende sehen wir die junge Rains, wie sie den greisen Papa mit zwei drallen Huren im Bett erwischt, woraufhin er ihr eine Ohrfeige verpasst und Rains sich die Pulsadern aufschneidet (wobei sie sich zum Aufschneiden direkt der Kamera zuwendet - ein Moment, bei dem das Publikum "Aaaarghh" kreischt).
Später, wenn Rains in der Nacht ins obere Apartment geht, aus dem sie immer wieder Geräusche hört, läuft ihr im Dunkeln plötzlich der mittlerweile verstorbene Papa über den Weg, der im Tod noch grässlicher aussieht als zu Lebzeiten. Rains - mit einem Messer bewaffnet - sticht ihm vor Schreck ein Auge aus und die Nase ab! Wem dabei keine Schauer über den Rücken laufen, ist vermutlich schon tot.

In der zweiten Hälfte lässt die Spannung etwas nach, weil Winner nicht den Regeln des weiblichen Paranoia-Kinos folgt (wie "Die Frauen von Stepford" oder "Rosemaries Baby"), die verlangen, dass Rains allein gelassen der Verschwörung auf die Spur kommt. Stattdessen wird sie in den Hintergrund gedrängt, ihr netter Lover Chris Sarandon übernimmt die gesamte Recherche und hält fest zu ihr (mit einem Twist am Ende, zugegeben). Der Film vergisst Rains sogar für beträchtliche Filmzeit, und es entsteht nie ein Gefühl der Bedrohung, das so nötig wäre.

Im Finale kann Winner dann mit einem Aufgebot an Höllenkreaturen punkten, die sich über Rains hermachen. Diese Sequenz wurde seinerzeit heftig kritisiert, weil hier "echte" deformierte Menschen zwischen den gräulich zurechtgemachten Darstellern agieren und einen grotesken, schauerlichen Anblick liefern sollen, was - sagen wir mal, nicht wirklich politisch korrekt ist (manche würden es menschenverachtend nennen). Man kann sich der Wirkung dieser Passage aber schwer entziehen.

Sstatt der etwas blassen Cristina Rains sollte ursprünglich "Charlies Engel" Kate Jackson die Hauptrolle spielen, die aber mit dem Script nicht zufrieden war. Wie schon im "Exorzisten" ist das Himmel/Hölle-Schema hier sehr simpel umgesetzt. Während aber im Original die Vertreter der katholischen Kirche Heilung und Rettung brachten (was haben wir gelacht!), hat das Ganze in HEXENSABBAT für Cristina Rains am Ende einen bitteren Haken, denn dieser Gott ist nicht ganz so selbstlos und verlangt einen Preis für die Rettung... was den Film hübsch makaber enden lässt. Gutes altes 70er-Kino!

Bemerkenswert an HEXENSABBAT ist die erlesene Besetzung, in der sich das alte Hollywood mit der neuen Generation trifft. Ava Gardner zeigt eine entzückend divenhafte Vorstellung (sie hat im Alter zwar an Schönheit verloren, aber ihre Stimme ist nach wie vor ein Genuss), neben ihr agieren die Altstars Arthur Kennedy, José Ferrer (als Abgesandte des Kirche), John Carradine, Eli Wallach und Martin Balsam neben zukünftigen Stars in Nebenrollen wie Jeff Goldblum, Christopher Walken (zwei Dialogzeilen!) und Tom Berenger (ein Kurzauftritt am Schluss).

Und hier noch die mit Abstand absurdeste Szene: als Cristina Rains sich früh im Film bei ihren Nachbarn vorstellt, gerät sie auch an das lesbische Pärchen Miles und D'Angelo (in Ballett-Kostümen). Auf die Frage, wovon die beiden leben, antwortet Miles, "wir sind zärtlich zueinander" und streichelt D'Angelos Oberschenkel. Als sie den Raum verlässt, um Tee zu machen, fängt D'Angelo vor Rains Augen an, zu masturbieren, und zwar bis zum Höhepunkt, während Rains (und der Zuschauer) gar nicht mehr weiß, wo sie hinschauen soll. So eine Szene in einem Mainstream-Film hinzulegen, dazu gehört eine Menge Chuzpe, Herr Winner! Hut ab!

8.5/10

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