Freitag, 11. Juni 2010

Halloween (2007)

Dass es im Filmgeschäft keine heiligen Kühe oder unantastbare Filme gibt, weiß man spätestens seit Gus van Sants "Psycho"-Remake (1999), insofern werde ich jetzt nicht weiter darauf eingehen, wie sinnvoll oder sinnlos ein Remake von John Carpenters "Halloween" sein kann. Es ist da, also sprechen wir darüber.

Die Story wurde von Autor/Regisseur Rob Zombie im Grunde so belassen, lediglich die ausführliche Vorgeschichte aus Michaels Kindheit und Zeit in der Jugendpsychiatrie ist neu und nimmt das komplette erste Drittel des Films ein. Danach macht Michael wie gehabt Jagd auf seine Schwester Laurie Strode (Scout Taylor Compton) in der Halloween-Nacht, während sein Psychiater Sam Loomis (Malcolm McDowell) das Schlimmste zu verhindern versucht...

Die Zugeständnisse an das aktuelle Zielpublikum sind offensichtlich. Zombie hat nicht die Zeit, Spannung und Thrill aufzubauen, er muss sofort in die Handlung springen, eine Menge mehr Blut vergießen, und er reichert den Stoff mit seinen typischen Versatzstücken, wie der degenerierten White Trash-Familie, an.
Carpenters "Halloween" war ein Musterbeispiel an Zurückhaltung, bei Rob Zombie bekommt man naturgemäß alles auf dem Silbertablett serviert (bzw. bekommt man das Silbertablett um die Ohren geschleudert). Da wird schon in den ersten 20 Minuten mehr erschlagen, durchgeschnitten, abgestochen und erdrosselt als in Carpenters gesamten Oeuvre. War Michael Myers in Carpenters Film der "Schwarze Mann", eine unerklärbare Naturgewalt, ein Schatten, ein Belauerer, eine Schreckensfigur ohne Hintergrund, liefert Zombie hier eine Erklärung für Michaels' Verhalten, was für mich die größte Schwäche des Films darstellt. Zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass er damit einem aktuellen Trend folgt, sämtliche Mythen und Kultfiguren des Kinos in Remakes und Sequels "erklären" zu wollen. Dabei kann gerade die Ungewissheit zu sehr viel stärkeren Ergebnissen führen.

Echter Suspense stellt sich bei Zombie nie ein. Der Zuschauer wird ununterbrochen mit Schocks und Sensationen bombardiert, auf der visuellen wie akustischen Ebene. Atmosphäre gelingt Zombie nur dann, wenn er - haben wir es nicht geahnt? - Carpenters "Halloween"-Thema einspielt, das zeitlos fantastisch ist. Auf mich hat dieses Remake einen extrem hysterischen Eindruck gemacht, und das ist etwas, was ich am Kino gar nicht liebe, insofern konnte mich der Film auch zu keiner Zeit packen oder begeistern, zumal Zombie nach der neuen Vorgeschichte Carpenters Original so sklavisch folgt, dass er einzelne Einstellungen fast 1:1 kopiert. Damit verlässt er die Neuinterpretation und geht zur Kopie über, so hinterlässt sein Film einen zerrissenen, beliebigen Eindruck.

Nun ist also Michaels' Mutti (eine wie immer schwache Sheri Moon Zombie) eine Stripperin, schon vor dem Frühstück wird zu Hause nur herumgebrüllt, Papi lechzt der Teenie-Tochter nach, und der kleine Michael wird von allen gehänselt.
Ob die krasse Überzeichnung der White Trash-Familie wirklich ein Erklärungsmodell für Michaels Taten sein kann, lassen wir mal dahingestellt (zumindest ist es ein ziemlich abstoßendes Menschenbild), auf jeden Fall hat das alles nichts mit einer differenzierten Charakterisierung zu tun, sondern lediglich mit Küchenpsychologie (die aber mittlerweile aufgrund grassierender Blödheit als Tiefenpsychologie gilt, also Schwamm drüber!).

Man hätte sich gewünscht, dass die wenigen negativen Aspekte des Originals (wie das mittlerweile gängige Filmklischee, Sex umgehend mit dem Tod zu bestrafen) in dieser Neubearbeitung vielleicht verändert werden, aber nein, auch hier bedeuten nackte Brüste und vor-ehelicher GV sofortige Metzelei. Da Michael Myers schon als Kind über Superkräfte zu verfügen scheint, besteht auch für den Rest des Films keine Hoffnung mehr, ihn irgendwie stoppen zu können. Da er aber klar als Mensch, bzw. menschliches Monster gezeichnet wird, macht das finale Zitat ("War das der Boogey Man?") gar keinen Sinn mehr.

Das Positive: Die Besetzung ist durchaus inspiriert und wartet mit ein paar willkommenen Gastrollen auf, die Zombies Liebe zum Horrorkino dokumentieren. Scout Taylor Compton ist eine überraschend sympathische Protagonistin, und Malcolm McDowell agiert als Donald Pleasence-Ersatz hervorragend, sein Dr. Loomis ist deutlich aggressiver angelegt. In Nebenrollen sehen wir Genre-Favoriten wie Brad Dourif, Dee Wallace ("Cujo" und "The Howling"), Danielle Harris ("Halloween 4 & 5"), Richard Lynch, Ken Foree ("Dawn of the Dead"), Sybil Danning und Udo Kier. Wenn das nicht kultig ist...

Langweile kommt bei diesem Horror-Gewitter auch nicht auf, dazu passiert einfach zu viel. Bei mir stellte sich allerdings schnell Ermüdung ein. Rob Zombie beweist eine gute Hand für Ausstattung und Details, aber er beherrscht weder den Filmrhythmus noch schafft er auch nur ansatzweise so etwas wie Unbehagen oder Grusel. Doch auch hier, so will es offenbar das Publikum. Sein "Halloween" hat viele Fans gefunden, und er hat die Marke erfolgreich ins neue Jahrtausend befördert. Leider ist seine Fortsetzung "Halloween 2" ein so unterirdisch schlechter Film geworden, dass selbst Hardcore-Zombie-Fans ihn kaum verteidigen können (was die Vermutung nahelegt, dass er ohne konkretes Vorbild als Regisseur ziemlich aufgeschmissen ist). Die Zeit wird zeigen, ob dieses Remake ähnlich einflussreich sein kann wie das Original.

Was mich betrifft, ich bleibe bei Carpenter.

03/10

Kommentare:

  1. Jetzt muss ich ihn doch mal anschauen, der liegt seit Monaten beim grossen Stapel "ungesehen"...

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  2. Bei mir liegt er jetzt beim Stapel "muss ich nicht nochmal sehen". :-) Bin auf Deine Meinung gespannt. Aber "Mandy Lane" fand ich besser. LG!

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