Samstag, 19. Juni 2010

Die Frau aus dem Nichts (1968)

SECRET CEREMONY (deutscher Verleihtitel: DIE FRAU AUS DEM NICHTS) von 1968 gehört zu den merkwürdigsten und faszinierendsten Filmen, die Elizabeth Taylor je gemacht hat. Bei uns kaum zu sehen und auch im Rest der Welt weitgehend unbekannt, wird es langsam Zeit für eine Neuentdeckung, denn hier handelt es sich um ein faszinierendes Psychodrama, düster und intensiv.

Die Story: Leonora (Taylor) ist eine in die Jahre gekommene Prostituierte, die ihre Tochter verloren hat. Cenci (Mia Farrow) lebt allein in einer noblen Londoner Villa, seit ihre Mutter gestorben ist. Als die beiden sich zufällig in einem Bus begegnen, glaubt Cenci in Leonora ihre Mutter wieder zu erkennen und nimmt sie mit nach Hause. Leonora lässt sich auf das Spiel ein. In der klaustrophobischen Atmosphäre der einsamen Villa verschieben sich bald die Identitäten, und ein Psychodrama nimmt seinen merkwürdigen Lauf...

Regisseur Joseph Losey, Spezialist für britische Arthaus-Filme (sein bekanntestes Werk ist wohl THE SERVANT - DER DIENER mit Dirk Bogarde), der kurz zuvor mit Elizabeth Taylor den eher missglückten BOOM - BRANDUNG gemacht hat, inszeniert die bizarre Story mit viel unheimlicher Stille (die ersten 15 Minuten laufen fast völlig ohne Dialog ab) und schwarzem Humor. Er fängt die klaustrophobische Atmosphäre der alten Villa perfekt ein. SECRET CEREMONY ist ein Film, auf den man sich wegen seiner Sperrigkeit bewusst einlassen muss, um ihn zu genießen, und er ist sicher nicht jedermanns Sache, schon allein weil er keine "Handlung" im klassischen Sinn hat. Er nutzt nur konsequent seine Grundsituation, um in die verschrobenen Psychen der Charaktere einzutauchen. Das Drehbuch stammt übrigens von Schriftsteller George Tabori ("Mutters Courage", Drehbuch zu Hitchcock's "Ich beichte").

Elizabeth Taylor liefert hier eine klasse Leistung ab, vielleicht die Beste in der Spätphase ihrer Karriere. Ihre Leonora ist zugleich hilflos und dominant, vulgär und sensibel. Als Cencis gewalttätiger Vater unerwartet auftaucht (gespielt von Robert Mitchum mit einem falschen Bart, den man gesehen haben muss), ergreift sie die Initiative, schlüpft in die falsche Mutterrolle und verteidigt ihre "Tochter" gegen ihn. Cenci selbst ist so gestört, dass sie sich u.a. ein Kissen unter das Kleid steckt und glaubt, sie sei schwanger. Mia Farrow spielt diese Neurotikerin mit aller Zerbrechlichkeit, die sie aufbringen kann. In Nebenrollen brillieren Peggy Ashcroft und Pamela Brown als raffgierige Tanten von Farrow.

SECRET CEREMONY ist sicher kein Film für zwischendurch, ich kann ihn aber jedem Filmliebhaber empfehlen, der sich abseits vom Mainstream ungewöhnlich unterhalten möchte. Er bietet jede Menge Ideen, klasse Schauspieler und eine beunruhigende Atmosphäre. Elizabeth Taylor-Fans sollten ihn unbedingt sehen, am besten im Doppelpack mit SPIEGELBILD IM GOLDENEN AUGE, der nicht weniger bizarr ist.

Der Film ist bislang nur als UK-Import in englischer Sprache (mit englischen Untertiteln) zu haben. Leider befinden sich keine Extras auf der DVD. Die Bildqualität ist jedoch ausgezeichnet (Bildformat 1,85:1). Ein persönlicher Geheimtipp!

08/10

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