Freitag, 11. Juni 2010

Der römische Frühling der Mrs. Stone (2003)

DER RÖMISCHE FRÜHLING DER MRS. STONE (The Roman Spring of Mrs. Stone) ist eine TV-Neuverfilmung des einzigen Romans von Tennessee Williams und erzählt von einer erfolgreichen Bühnenschauspielerin in reifen Jahren (Helen Mirren), die sich nach dem Tod ihres Mannes in Rom verzweifelt und ziellos treiben lässt, um sich dann in einen jungen Gigolo (Olivier Martinez) zu verlieben, der nur ihr Geld im Sinn hat. Ihre Todessehnsucht scheint sich bald zu erfüllen...

Der Stoff wurde bereits 1961 mit Warren Beatty und Vivien Leigh verfilmt, konnte allerdings aufgrund herrschender Moralvorstellungen dem Buch nicht gerecht werden. Diese Neuverfilmung kann das hingegen glänzend, sie ist nicht nur der offenere und ehrlichere, sondern auch deutlich bessere Film geworden.

Das liegt nicht zuletzt an der Besetzung. Helen Mirren ist als Mrs. Stone - wie könnte es anders sein? - eine Offenbarung und scheint sämtliche Gefühle, von denen die Mrs. Stone-Figur beherrscht wird, persönlich bestens zu kennen, so glaubwürdig geht sie in der Rolle auf. Wenn man etwas an ihrer Darstellung kritisieren wollte, dann höchstens den Umstand, dass sie intelligenter wirkt (sie ist eben Helen Mirren) als es die Figur verlangt. Tennessee Williams macht sich in seiner Vorlage durchaus lustig über die alternde Amerikanerin Stone, die immer noch glaubt, die Julia spielen zu können und mit europäischer Kultur nicht viel anfangen kann. Mirren ist viel zu sophisticated für eine Parodie, was dem Film aber überhaupt nicht schadet, im Gegenteil. Man nimmt Anteil an ihrem Schicksal, und wer sich mit ihren Ängsten (Alter, schwindendes Aussehen und Talent, Einsamkeit, Sinnfragen des Lebens und die Suche nach einem Zuhause) identifizieren kann, der wird auch ihren Abstieg verstehen.

Olivier Martinez ist die Idealbesetzung für Paolo, den ebenso eitlen wie großspurigen und verletzenden Gigolo, der vielleicht doch aufrichtige Gefühle für seine "Wohltäterin" hegt - oder nicht? Auf jeden Fall ist er wahnsinnig sexy, und er kann neben Mirren absolut bestehen.
Als besonderen Bonus dürfen wir dazu noch Anne Bancroft in ihrer letzten Filmrolle bewundern. Sie spielt mit reichlich Manierismen einen verarmte Adlige, die Vertreterin des "Alten Europas", die sich dem Kapitalismus in Form von amerikanischen Touristen beugt und ihre hübschen jungen Männer an reiche Damen verhökert, ihre Verachtung gegen das Kapital aber nicht verhehlen kann. Eine wunderbare Rolle für eine wundervolle Schauspielerin!

DER RÖMISCHE FRÜHLING... ist eine Geschichte über Verlust. Mrs. Stone verliert zuerst den Ehemann (Brian Dennehy), der ihr den einzigen Halt gab, dann ihr Geld, ihr Herz und schließlich sich selbst mitsamt ihrer Würde. Obwohl sie ihren Mann liebte, hat sie niemals Leidenschaft gespürt. Durch Paolo fühlt sie sich wieder jung und begehrenswert - die Tragik besteht darin, dass sie sich zunächst dessen bewusst ist, dass Paolo nur ihr Geld will und das Spiel mitspielt, immer überlegen bleibt, aber je mehr sie sich in ihn verliebt, umso mehr will sie glauben, dass er es ernst meint - und macht sich damit komplett lächerlich.
(Achtung, Spoiler!) Wenn er sie am Ende verlässt und sie ihren Schlüssel einem hübschen jungen Obdachlosen zuwirft, der ihr den ganzen Film über nachgeschlichen ist (in der bemerkenswertesten Szene uriniert er direkt neben ihr gegen eine Hauswand, Mirrens Reaktion darauf ist unbezahlbar!), dann ist klar, wie Mrs. Stone enden wird - nämlich wie so viele Berühmtheiten vor ihr (Pasolini, Versace, Moshammer...). Sicher ist die Mrs. Stone auch eine Verkörperung von Tennessee Williams' Ängsten und Übertragung einer deutlich schwulen Fantasie.

DER RÖMISCHE FRÜHLING ist neben dem beeindruckenden Schauspiel auch exzellent ausgestattet (Setting ist das Italien nach dem Krieg), orchestriert und gefilmt. Im Gegensatz zu der Studio-Verfilmung von 1961 werden viele Originalschauplätze bespielt, was für eine TV-Produktion von 2003 beachtlich ist. MRS. STONE ist ein sonnendurchfluteter, schwüler Film, in dem die dunklen Abgründe heftig mit den idyllischen Postkartenansichten kollidieren.

Für Fans von Tennessee Williams und Helen Mirren ist der Film ein absolutes Muss. Leider war er hierzulande bislang nirgends zu sehen, es gibt ihn aber als britische und US-DVD. Ein TV-Film, von dem sich hiesige Produktionen mehrere Scheiben abschneiden können, er war für mehrere Emmys und Golden Globes nominiert (Mirren gewann den Golden Globe).

09/10

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