Dienstag, 29. Juni 2010

Der Exorzist - Director's Cut (1973/2001)

Zum Film selbst muss man kaum noch etwas sagen, er ist ein anerkannter Klassiker und der neben "Psycho" und "Halloween" einflussreichste aller modernen Horrorfilme. William Friedkins DER EXORZIST hat es geschafft, den Horror in den Mainstream zu befördern und Millionen von Menschen zu begeistern, die sich niemals einen Genrefilm angesehen hätten.

Hervorragende Darsteller, kluge Regie, nie dagewesene Spezialeffekte und die Geschichte um den ewigen Kampf Gut gegen Böse (Teufel = böse, Katholische Kirche... äh, = gut? Lassen wir das an dieser Stelle) lassen den Film heute noch überzeugend wirken.
Die vielen Kritiker, die sich über die konservative Moral mokierten, die naive Bibelauslegung oder die Absurdität der Teufelsmacht, die zu nichts anderem imstande scheint als ein kleines Mädchen dazu zu bringen, Erbsensuppe zu spucken und den Kopf um 360 Grad zu drehen, haben alle übersehen, dass der Film neben seiner vordergründigen Geschichte ganz andere, beunruhigende Qualitäten besitzt und sich mit Fragen beschäftigt, die weit über das Teufelsdrama hinausgehen (Entfremdung Eltern/Kind, psychologische Entwicklung von Scheidungskindern, Horror der modernen Medizin, Machtlosigkeit von Ärzten, Blelastung von Alleinerziehenden, gesellschaftliche Rebellion der Jugend gegen das Establishment, und noch viel mehr), weswegen er auf mehreren Ebenen so viele Menschen in aller Welt anspricht.

Hier haben wir es nun mit dem "Director's Cut" aus dem Jahr 2001 zu tun (im Original: "The Version you've never seen"), der im Kino erstaunlich erfolgreich lief und bewies, dass DER EXORZIST auch 30 Jahre später nichts von seiner Kraft verloren hat. Was hat also diese neue Fassung wirklich zu bieten?

Nr. 1) mehr blitzartige Dämon-Einstellungen, von der es in der ursprünglichen Version nur eine einzige (während Jason Millers Alptraum) gibt. Überflüssig, zudem die angewandte CGI-Technik in dem 70er-Film befremdlich wirkt.

Nr. 2) Die "Spinnen-Szene", um die es bereits viele Gerüchte gab. Regan (Linda Blair) kommt rückwärts auf allen Vieren die Treppe hinunter und speit Blut. Diese Szene war in der alten Version nicht enthalten, weil Regisseur Friedkin sie als irgendwie albern und unzusammenhängend empfand. Und jetzt muss man sagen - das ist sie auch. Ein unfreiwillig komischer Schockeffekt, mehr nicht.

Nr. 3) mehr medizinische Untersuchungen der vom Teufel besessenen Regan. Die Entwicklung von Regans "Krankheit" wird hier ausführlicher dargestellt. Das ist nicht unbedingt nötig, schadet aber auch nicht (und beseitigt einen Continuity-Fehler, der vormals irritierte).

Nr. 4) eine Unterhaltung von Max von Sydow und Jason Miller über die Natur des Bösen. Hier wird noch einmal im Dialog erklärt, was keine Erkläung braucht, nämlich dass der Teufel (oder Dämon) es nicht auf Regan abgesehen hat, sondern auf die Menschen in ihrer Umgebung, die durch Regans Besessenheit in Verzweiflung und Leid getrieben werden. William Friedkin fand stets, dass es dieser Erklärung nicht bedurfte (ganz im Gegensatz zu seinem Autor William Peter Blatty, der - wie alle Autoren - seinen Dialog nicht streichen wollte), und er hatte recht.

Nr. 5) Das Ende. Hier macht die neue Fassung wirklich einen schlimmen Fehler und hängt eine Szene dran, in der die aufkeimende Freundschaft des ermittelnden Lee. J. Cobb mit dem jungen Pfarrer Dyer (William O'Malley) erzählt wird. Überflüssig nicht nur, sie gibt dem Ende auch eine völlig andere, heitere Note und nimmt dem Film damit viel von der verstörenden Stimmung. Außerdem interessieren diese beiden Figuren nur am Rande, und der Dialog zitiert (ausgerechnet!) "Casablanca"!

Andere Neuerungen: der Ton wurde natürlich verbessert. Das bezieht sich allerdings NICHT auf die deutsche Synchronisation, die neu angefertigt wurde, und hier muss man eindeutig sagen, dass sie bei weitem nicht so gut ist wie die 70er-Synchronfassung von Bernhard Wicki. Die Stimmen sind allesamt bekannt aus anderen aktuellen Filmen, sie zerstören die Atmosphäre des 70er-Films (ein Problem, das wir auch von DVD-Veröffentlichungen wie "Exorzist 2" oder "Flammendes Inferno" kennen).

Fazit: Wer die alte Fassung besitzt, ist bestens bedient. Es ist eher ein trauriges Zeichen, dass ein ehemals brillanter Regisseur wie Friedkin mittlerweile nichts anderes mehr zustande bringt als seine Klassiker neu zu bearbeiten (so geschehen mit "Cruising" und "French Connection"). Friedkin hat sich stets gegen die Änderungen am "Exorzisten" gewehrt. Auf dem Audiokommentar der ursprünglichen Fassung wettert er noch vehement gegen die Einfügung der fehlenden Szenen, und es gab einen öffentlichen Disput zwischen ihm und Autor William Peter Blatty, der diese Sequenzen unbedingt im Film haben wollte.

Die Moral von der Geschichte: Wenn man noch ein paar Euro verdienen kann, was ist da schon künstlerische Integrität? That's Showbusiness!

10/10 (so oder so)

Kommentare:

  1. Gute Vergleichsrezension eines alten Klassikers, den ich immer noch sehr stark find. LG Ray

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  2. Ich auch, lieber Ray, für mich einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. LG!

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  3. Hallo Mathias,

    was waren das damals für Zeiten :
    freie Liebe, Siegeszug von Rock- und Popmusik, Antikriegsdemos, Drogenexzesse, Jugend contra Establishment, Deutschland Fussballweltmeister 74, Rote-Armee-Fraktion, modernere Autos (VW Golf !!) und schon damals lief den Kirchen mächtig die Kundschaft weg.

    Da vernahm man aus den USA die Kunde eines sensationellen Sakralthrillers, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte. So wurde der Exorzismus, von dem viele damals gar nicht wussten was das eigentlich genau ist, aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert.

    Als DER EXORZIST dann endlich in den deutschen Kinos anlief, war er leider schon in etlichen Zeitungsberichten mit zunehmender Häme (Antiamerikanismus !), aber auch Sensationsgier und Ekel zerpflückt worden. Das galt vor allem für die seinerzeit geradezu sensationellen Spezialeffekte. Die Hysterie zu Film und Thema hat dann eine vorher nicht erwartete Welle in Deutschland und Europa geschlagen. Noch Jahre später berichteten die Nachrichten von sogenannten Teufelsaustreibungen und die Kirchen waren froh, wieder an Relevanz dazugewonnen zu haben.

    Nach dem ganzen Theater habe ich jahrelang auf die Sichtung dieses filmischen Juwels verzichtet. Erst Anfang der 80er und frei von allem Hype habe ich DER EXORZIST zum ersten Mal gesehen und war - obwohl den Themen Religion und Kirche nicht nahestehend - von der atmosphärischen Dichte, des teilweise unheimlich nüchternen Erzählstils und der Intensität der Darsteller überrascht. Ein Film, bei dem meineserachtens alles zusammenpasst.

    Zu den unterschiedlichen deutschen Tonfassungen kann ich nichts sagen, da ich die Kinoversion des Films Dank seiner vielfältigen Extras nur auf R1 besitze. Ansonsten ist mir DER EXORZIST (genauso wie EXORZIST 2) so ans Herz gewachsen, dass ich bei der Beurteilung des Director's Cut nicht so streng bin wie Du. Ich mag einfach beide Versionen und finde es gut, dass sie dem geneigten Fan überhaupt zur Verfügung stehen.

    Was Friedkin angeht gebe ich Dir völlig Recht. Nach 4 grossartigen Werken in den 70ern hat er leider nichts Aufregendes mehr zutage gebracht.

    Und das Thema EXORZISMUS kann auch spätestens seit dem heutigen Tage ad acta gelegt werden gemäss der Meldung 'DER TEUFEL IST TOT !'.

    Gruss Ralf

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  4. Hallo Ralf,

    die fehlenden Szenen zu sehen finde ich auch gut, mir hätten sie aber als Bonus auf einer DVD gereicht. Ich habe beide Fassungen im Regal, aber wenn ich den Film sehen möchte, nehme ich doch immer die alte Version. Von Friedkins späteren Filmen mochte ich noch "Das Kindermädchen", aber da stehe ich ziemlich alleine da. :-)
    Seine Audiokommentare auf DVDs zu Klassikern sind allerdings hervorragend.

    Gruß von Mathias

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