Mittwoch, 30. Juni 2010

Boccaccio '70 (1962)

BOCCACCIO '70 ist ein glänzendes Beispiel für die Kreativität und Kunstfertigkeit des italienischen Films der 60er. In drei heiteren und satirischen Episoden erzählen die Regisseure Federico Fellini, Luchino Visconti und Vittorio de Sica mit Stars wie Sophia Loren, Romy Schneider und Anita Ekberg von Sünde und Moral im zeitgenössischen Italien.

Eine vierte Episode von Mario Monicelli, die sich auf die urbane Arbeiterklasse konzentriert, verblieb nur in der italienischen Fassung und wurde vom europäischen Verleih entfernt, um den Film auf "normale" Kino-Lauflänge zu bringen. Aus Solidarität mit ihrem Kollegen erschienen die berühmten Regisseure seinerzeit nicht in Cannes, wo der Film vorgestellt wurde. In den USA ist mittlerweile eine restaurierte und wundervoll ausgestattete Version des Films auf DVD erhältlich, mit allen vier Episoden in brillanter Qualität.

In der ersten Episode von Fellini steigt Anita Ekberg als Milch-Model von einer gigantischen Werbetafel herab, um einen lüsternen Professor zu verfolgen, der gegen den Verfall der Sitten zu Felde zieht. Als überdimensionale Verführerin räumt sie mit Moral und Doppelmoral auf. - Fellinis Fantasy-Vision fehlt es ein wenig an Schärfe und Witz, dafür sind die Tricks um die riesige Ekberg und den winzigen Professor hervorragend gelungen.

Die zweite (und beste) Episode erzählt von einer Gräfin (Romy Schneider), die herausfindet, dass ihr Playboy-Ehemann (Tomas Milian) regelmäßig mit Callgirls schläft. Selbst gelangweilt von ihrem Dasein, beschließt sie, sich einen Job zu suchen, muss aber einsehen, dass sie nichts kann. Fortan muss ihr Ehemann sie für Sex bezahlen...
Romy Schneider ist unter Viscontis Regie eine Offenbarung. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, dass sie sich vom Image des lieben Mädchens befreien konnte und als Schauspielerin ernst genommen wurde. Die Episode ist reines Kammerspiel, das die Gemächer der hochherrschaftlichen Villa nie verlässt. Romy Schneider raucht, telefoniert, flirtet, isst und wechselt einmal komplett ihre Garderobe, während sie über ihr Leben philosophiert, und das alles in Echtzeit. Sie ist dabei unglaublich lebendig, interessant und sexy, man spürt förmlich Viscontis Faszination.

Vittorio de Sica schildert in seiner komödiantischen letzten Episode mit seinem bevorzugten Star Sophia Loren, wie eine komplette männliche Dorfbevölkerung in Aufruhr gerät, als der Rummelplatz in die Stadt kommt. An einem Luftballon-Schießstand gibt es nämlich einen besonderen Hauptgewinn: Sophia Loren! -
De Sica legt hier den gleichen Witz an den Tag wie in seinen "Liebe, Brot und..."-Filmen, seine Zeichnung der "einfachen" Menschen mit ihren einfachen Bedürfnissen und dem Herz am rechten Fleck ist ebenso liebevoll und komisch wie hintersinnig. Loren sorgt für den nötigen Sex-Appeal.

Insgesamt ist BOCCACCIO '70 ein sehenswerter Episodenfilm für Freunde des europäischen Kinos der 60er. Er ist beileibe kein Meisterwerk, aber ausgezeichnete Unterhaltung in herrlich bunten Farben. Für Romy Schneider-Fans ein Muss, weil sie hier eine ihrer besten Leistungen zeigt. In der italienischen Originalfassung spricht sie übrigens selbst!

08/10

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