Samstag, 19. Juni 2010

Barry Lyndon (1975)

Unter den vielen großartigen Meisterwerken des unvergessenen Stanley Kubrick wird BARRY LYNDON von 1975 wohl am sträflichsten vernachlässigt. In der kürzlich für HD-DVD und Blu-Ray bearbeiteten Reihe der Kubrick-Filme fehlt er skandalös. Dabei handelt es sich hier um einen der reichsten und zeitlos schönsten Filme, die der Meister je geschaffen hat. Seine epochale Länge von knapp drei Stunden fordert viel Aufmerksamkeit vom Zuschauer, die Kubrick erschwert, indem er ihm jede Identifikationsfigur vorenthält. Dass er damit sämtliche Erwartungen an ein Kostümdrama unterläuft, sollte niemanden abschrecken, sich diesem Jahrhundertfilm zu nähern.

BARRY LYNDON erzählt den Aufstieg des jungen Iren Redmond Barry (Ryan O'Neal) im 18. Jahrhundert, der es zu gesellschaftlich hoher Stellung und der Ehe mit einer wunderschönen sowie reichen Frau (Marisa Berenson) bringt, auf dem Weg dorthin sämtliche Moralvorstellungen vergisst und schließlich in der Hassliebe zu seinem Stiefsohn tief fällt.
Barrys Geschichte beginnt und endet mit einem Duell, erzählt wird sie von einem süffisanten, zynischen Off-Kommentar. Früh lernt Barry, dass es sich nicht lohnt, im Leben für irgendetwas zu stehen, zu lieben, oder zu kämpfen. Dieser Fatalismus ermöglicht seinen Aufstieg und macht ihn zu einem verachtenswerten Opportunisten.

Doch ist seine Gefühlswelt weitaus komplexer als auf den ersten Blick erkennbar. Kubrick filmt die Tragödie in Bildern, die der zeitgenössischen Malerei nachempfunden sind. Kubrick und sein Kameramann John Alcott experimentierten viel mit naturalistischem Licht, als erstem Regisseur der Filmgeschichte gelang es ihm, Szenen nur mit Hilfe von Kerzenlicht zu leuchten. Selbst wenn man sich für keine der Figuren erwärmen will - die Bilder brennen sich tief ins Gedächtnis, bestechen durch ihre Schönheit und den obsessiven Zwang zur Symmetrie (den Kubrick in seinem folgenden Film "Shining" weiter verfolgen sollte). Mit äußerster Detailversessenheit stellt Kubrick Schlachtszenen des Siebenjährigen Krieges nach.

Schauspielerisch hat BARRY LYNDON Publikum und Kritiker heftig gespalten. Das emotionsarme Spiel von Ryan O'Neal und Marisa Berenson wurde bemängelt. Doch das ist Konzept. Die Welt, in der Barry Lyndon sich bewegt, wird bestimmt von Masken, Chiffren und Manieren, welche die wahre Natur der Menschen verbergen. Sie wandeln wie in Trance durch perfekt angelegte Gärten und Labyrinthe. Sie sind schön und seelenlos, nur so können sie überleben. Kubrick verweigert jegliche romantische Verklärung der Epoche, auch deswegen stößt BARRY LYNDON viele Zuschauer ab. Die Liebesgeschichte von Barry und Lady Lyndon ist eine der leblosesten, kältesten Beziehungen, die je auf Zelluloid gebannt wurden.

BARRY LYNDON kostete 11 Millionen Dollar und war ein gewaltiger Flop, trotzdem er 4 Oscars erhielt (für Musik, Ausstattung, Kamera und Kostüme). Seitdem wurde sein Ruf nie wirklich erneuert. Es wird Zeit. BARRY LYNDON ist ein großes Meisterwerk der Filmkunst.

10/10

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