Sonntag, 27. Juni 2010

The Abyss (1989)

James Camerons Mega-Projekt THE ABYSS ging im Kino sang- und klanglos unter, bis heute ist es schwer, eine Erklärung dafür zu finden. Der Film bietet enorme Schauwerte und ist mit seiner pazifistischen Botschaft, der Abrechnung mit dem Wettrüsten der Supermächte und dem Macho-Kino à la Stallone und Schwarzenegger ein mehr als gelungener Kommentar zum ausgehenden Jahrzehnt.
Möglicherweise waren viele Zuschauer von der Spielberg'schen Naivität Camerons enttäuscht, vielleicht war auch die Übersättigung an Unterwasserfilmen Schuld, die sich alle beeilten, vor Camerons Werk die Kinos zu erreichen ("Leviathan", "Deepstar Six", etc.).
Sei es, wie es will, die Qualität von ABYSS steht in keinem Verhältnis zum finanziellen Misserfolg. Glücklicherweise konnte sich der Film in den Jahren einen sehr guten Ruf zurückerobern.

Die Story: die Crew einer Tiefsee-Ölbohrstation soll das gesunkene Wrack eines Atom-U-Bootes untersuchen. Dabei wird von Mitgliedern des Militärs, die die Erforschung überwachen sollen, ein nuklearer Sprengkopf heimlich sichergestellt. Ein Hurricane schneidet die Station kurz darauf von der Außenwelt ab, und die Protagonisten bekommen Besuch von Außerirdischen, die tief unter dem Meeresspiegel auf dem Grund eines endlosen Abgrunds leben...

Zugegeben, das letzte Drittel mit der unheimlichen Begegnung der dritten Art ist einfach zu schlicht und nett geraten. Gerade nach dem grimmigen Spektakel "Aliens" (Camerons bis heute bestem Film) muten die lieben Wesen mit den Kulleraugen und hübschen lila Farben eher befremdlich an (wir denken mit Schaudern an De Palmas Mars-Wesen in "Mission to Mars"). Einige dümmliche Dialoge (wie Ed Harris' Begrüßung der Außerirdischen: "Na, wie geht's euch denn?") verstärken leider diesen Eindruck.

Nichtsdestotrotz sind die Spezialeffekte für die Aliens (sowie den Rest des Films) unglaublich gut gelungen und können heute noch überzeugen. ABYSS erhielt einen Oscar für die visuellen Effekte, insbesondere der "Morphing"-Effekt, den Cameron in seinem folgenden "Terminator 2" zur Perfektion entwickeln sollte, bildet die Grundlage für viele der heutigen CGI-Techniken.
Praktisch alles in ABYSS macht den Eindruck, als würde es tatsächlich funktionieren (und hat es größtenteils auch), Camerons Film ist weit entfernt von den blinkenden Lämpchen und Pappkulissen, die ähnliche Filme anbieten.

Aber nicht nur die Ausstattung hat Schwerstarbeit geleistet, sondern auch die Darsteller. Gedreht wurde in einem verlassenen Kernreaktor, alle Schauspieler tauchen selbst, und man sieht ihnen die Anstrengung in jeder Filmminute an. So entsteht ein geradezu faszinierender Realismus, der ABYSS weit aus der Masse an Action-Spektakeln heraushebt.
Sind die Figuren nicht gerade differenziert geschildert (Camerons Stärke als Drehbuchautor liegt nicht gerade in der Komplexität seiner Charaktere), hat Cameron doch einen Cast zusammengestellt, der ebenso sympathisch wie eindringlich agiert. Ed Harris ist geradezu eine Offenbarung als sensibler Kommandant, der seinen Ehering aus Wut ins Klo wirft und ihn kurz darauf wieder herausholt. Der starke, aber verletzliche Held (dazu gehört auch Bruce Willis im ersten "Stirb langsam"), der auch Humor besitzt und Angst zeigen kann, löst hier den stumpfen Muskelprotz-Typ ab, der das Kino der 80er beherrschte.
Mary Elizabeth Mastrantonio zeigt als Harris' (Noch-)Ehefrau eine ebenso beeindruckende Leistung. Wenn sie sich im letzten Drittel opfert und in Harris' Armen ertrinkt, um dann wiederbelebt zu werden, erreicht ABYSS einen emotionalen Höhepunkt, der zwar knapp am Kitsch vorbeischrammt, aber nichtsdestotrotz berührt.

Die Action-Sequenzen sind perfekt inszeniert. Sei es die Unterwasser-Katastrophe nach Beginn des Hurricanes, die beklemmende Untersuchung des Schiffswracks samt erster Begegnung mit der außerirdischen Intelligenz, die Materialschlacht zwischen Harris und seinem Gegenspieler Michael Biehn (hervorragend in einer ungewohnt "bösen" Rolle), Harris' Sturz in den Abgrund und Entschärfung des Sprengkopfes (inklusive des immer schönen "Der gelbe oder der blaue Draht?") oder der Moment, wenn eine Wassersäule lebendig wird und die Station "durchsucht" - ABYSS kann so viele unvergessliche Sequenzen vorweisen, dass es unverständlich scheint, warum so viele Fans sich enttäuscht zeigten.

Camerons später gezeigte "Director's Cut" von knapp 3 Stunden enthält neben vielen neuen Details ein verändertes Finale, in welchem die Aliens die Menschheit mit einer gigantischen Flutwelle bedrohen. Das ändert aber nichts an der Naivität des Films (die Aliens überlegen es sich anders, weil sie sehen, dass Harris und Mastrantonio sich aufrichtig lieben), außerdem zerstört es komplett die Geschlossenheit und mühevoll aufgebaute Klaustrophobie des Films.
Diese Fassung wurde allgemein bejubelt, ich ziehe dennoch die Kinoversion vor, übrigens auch bei "Aliens", wo der Director's Cut große Schwächen offenbart und hoffnungslos sentimental wird - leider Camerons Schwachstelle.

Als Freund von Unterwasserfilmen habe ich THE ABYSS im Kino geliebt und liebe ihn weiterhin, er ist ein fantastisches, gewaltiges Abenteuer. Das Making Of zeigt sehr anschaulich, unter welch schwierigen Bedingungen er entstand, und was die Schauspieler durchmachen mussten, um Camerons Vision zum Leben zu erwecken.

7,5/10

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