Donnerstag, 6. Mai 2010

Studio 54 (1998)

Das filmische Denkmal für den wohl berühmtesten Nachtclub der Welt wurde 1998 von den Kritikern weitgehend verrissen und vom Publikum wenig beachtet. Die Schwächen von Mark Christophers Filmdrama werden aber durch einen klasse Soundtrack, weitgehend gute Darsteller und viele Schauwerte wettgemacht.

STUDIO 54 erzählt eine Geschichte von Aufstieg und Fall, verkörpert durch den jungen Ryan Phillippe, der aus seinem traurigen New Jersey-Zuhause ausbrechen und es in New York schaffen möchte, am besten hinter der Bar des angesagtesten Clubs, dem 'Studio 54', in dem sich Schönheit und Prominenz die Klinke in die Hand geben und mehr Drogen konsumiert werden als im Hochleistungssport. Sein unerhört gutes Aussehen lässt den Traum schnell wahr werden, doch jeder Traum hat seinen Preis. Das muss auch '54'-Chef Mike Myers feststellen, dessen Erfolg und Niedergang spiegelbildlich erzählt werden.

Mark Christopher gelingt es, seinen Hauptschauplatz gleichzeitig zu glorifizieren als auch über genaue Blicke hinter die Kulissen zu entmystifizieren. So bietet STUDIO 54 vor allem ein Fest fürs Auge. Der Soundtrack aus bekannten Songs der Zeit und neu geschriebenem Material sorgt dafür, dass man leicht in die 70er versetzt wird, wobei seltsamerweise einige Klassiker wie Donna Summer fehlen (möglicherweise Rechteprobleme).

Mike Myers zeigt als ständig zugedröhnter Chef Steve Rubell eine so ungewohnt überragende Vorstellung, dass sie fast als Parodie durchgeht. Wenn er auf einem Bett voller Geldscheine liegt und seinen knackigen Barmann zum Sex bestechen möchte, während ihm der Sabber aus dem Mundwinkel läuft, erreicht STUDIO 54 tragikomische Höhen.

In der Hauptrolle kann Ryan Phillippe mühelos durch sein Äußeres überzeugen, und Mark Christopher nutzt jede - wirklich, JEDE - Gelegenheit, ihn aus den Klamotten zu holen. Ob er als Weihnachtsmann verkleidet für ein Herrenmagazin posiert, in knappen Satinshorts den Bardienst verrichtet oder von den Kollegen auf dem Tresen mit Alkohol übergossen wird, er sieht in jeder Situation zum Anbeißen aus. Schauspielerisch ist er keine Offenbarung, kommt aber gut über die Runden (die Jury der Goldenen Himbeere sah das anders und nominierte ihn und Kollegin Ellen Albertini Dow 1999 für den ungeliebten Preis).

Das gilt auch für Salma Hayek, die auf der Attraktivitäts-Skala ebenfalls volle Punktzahl erreicht. Ehemalige '54'-Prominenz wie Lauren Hutton und Michael York haben kurze Gastauftritte. Wer im Ensemble überhaupt nicht funktioniert, ist Neve Campbell als erfolgreiches TV-Starlet. Nicht nur ist Campbell keine Spur verrucht oder durchtrieben, sie besitzt als Schauspielerin nicht das Zeug, ihre Figur irgendwie interessant zu gestalten. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und Phillippe berührt zu keinem Zeitpunkt, sie bleibt so aseptisch wie Seifenlauge.

Leider scheitert Christopher in seinem Anliegen, ein Sittenbild der Zeit zu entwerfen, denn STUDIO 54 ist erstaunlich brav geraten. Neben einem angedeuteten flotten Dreier im Halbdunkel und einer eher komischen Sequenz, in der Ryan Phillippe die komatöse Sela Ward besteigt und sich dabei im Spiegel bewundert, bleibt alles schön sauber, weitgehend heterosexuell (Mike Myers wird klar als schwul charakterisiert, aber beim Sex sehen wir ihn nie) und zu oft Klischee. Die europäische Fassung ist dabei noch züchtiger - hier bricht Phillippe ein erotisches Stelldichein mit Hayek auf der '54'-Toilette ab, bevor es ernst wird, während es in der US-Fassung deutlich heftiger zur Sache geht. Auch die oben beschriebene Spiegel-Szene ist so nicht vorhanden.

Es ist nicht klar, inwieweit Christopher vom Studio ausgebremst wurde, um den Film ans jugendliche Zielpublikum anzupassen, insofern kann man nur spekulieren, wie seine Vision des Films ausgesehen haben mag. Für einen Director's Cut war STUDIO 54 leider nicht erfolgreich genug.

Wer erwartet, z.B. prominente Zeitgenossen beim moralischen Abstieg zu beobachten, wird komplett enttäuscht. Der Drogentod der Disco-Rentnerin "Disco-Dottie" auf der Tanzfläche bildet dabei den emotionalen Höhepunkt und sorgt für Ryans "Erwachen". Wenn er kurz darauf halbnackt auf die Straße befördert wird und sich eine Mülltüte gegen die Kälte überzieht, darf man nicht nur feststellen, dass er auch in Mülltüten zum Niederknien aussieht, sondern auch den Symbolgehalt der Sequenz bewundern, die sein endgültiges Scheitern bebildert.

So wie er ist, erzählt STUDIO 54 nicht mehr als den geplatzten Traum eines hübschen, dummen Jungen, der am Ende brav seine Ausbildung macht. Ein Denkmal für einen der größten Sündenpfuhle seit Babylon ist der Film nicht geworden. Dennoch ist er durchgängig unterhaltsam, sexy und stellenweise extrem komisch.
Ich mag ihn trotz der Schwächen sehr gern.

06/10


Findet leider im Film nicht statt...

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