Montag, 24. Mai 2010

Rebecca (1940)

Die Adaption von Daphne du Mauriers berühmtem Schauerroman war die erste Hollywood-Arbeit Alfred Hitchcocks, und mit dieser landete er gleich einen Volltreffer, einen internationalen Hit, der mittlerweile zu den großen Klassikern gehört. Dabei sollte Hitchcock ursprünglich die filmische Aufarbeitung des "Titanic"-Untergangs drehen, dazu fiel ihm aber nach eigenen Angaben außer einer Eröffnungs-Sequenz nichts ein (Gerüchten zufolge wurde die Geschichte später u.a. recht erfolgreich von James Cameron inszeniert).

REBECCA erzählt von der scheuen, jungen und namenlosen Heldin (im Buch die "Ich"-Erzählerin) - gespielt von der hinreißenden Joan Fontaine - , die sich in den attraktiven Schlossbesitzer Maxim de Winter (Laurence Olivier) verliebt. Nach stürmischer Romanze und spontaner Heirat bringt er sie auf seinen Herrensitz "Manderley", wo der Geist von Maxims verstorbener erster Frau Rebecca über allem schwebt, insbesondere der bösartigen Haushälterin Mrs. Danvers (Judith Anderson), die alles daran setzt, die neue Herrin loszuwerden...

Von der ersten Einstellung, welche die mysteriöse Rückkehr unserer Heldin nach "Manderley" beschreibt, halb Wunsch-, halb Alptraum (und nicht unähnlich der Anfangs-Sequenz von "Citizen Kane"), arbeitet Hitchcocks visueller Einfallsreichtum auf Hochtouren.
Nach diesem atmosphärischen Beginn, der Lust auf mehr macht, fährt er wie so oft mit mehreren humoristischen Szenen fort, welche die Romanze beschreiben (inklusive einer typisch Hitchcockschen reichen und skurrilen alten Dame und Mutterfigur), bevor er die anfängliche Düsternis wieder aufnimmt und das verliebte Mädel in einen wahren Alptraum stürzt, aus dem es sich selbst wieder befreien muss.
Im letzten Drittel, nach der Auffindung von Rebeccas Leiche und der anschließenden Gerichtsverhandlung, weist sein Film kleinere Längen auf, die aber dem Umstand geschuldet sind, dass er die Romanvorlage verändern musste, um das Hays Office milde zu stimmen (so hat Maxim de Winter in Hitchcocks Film seine Ehefrau nicht ermordet, sondern sie starb unglücklich). Dafür bietet er aber unvergessliche Szenen wie die schicksalhafte Vorbereitung für einen Kostümball oder die ersten Tage der neuen Mrs. de Winter auf "Manderlay", in denen sie einen Fehler nach dem nächsten begeht und man förmlich Hitchcocks Freude merkt, was er ihr noch alles an Ungeschicklichkeit in die Schuhe schieben kann, um sie später zu demütigen.

Mehr als in jedem anderen Hitchcock erlebt der Zuschauer das gesamte Geschehen durch die Augen der Protagonistin Fontaine. Sogar Hauptdarsteller Laurence Olivier bleibt eine verschlüsselte Figur, aus der man nie ganz schlau wird, weil man sie lediglich durch Fontaines Wahrnehmung erfährt. Joan Fontaine ist in REBECCA fast überirdisch schön und verletzlich. Gerüchten zufolge behandelte Olivier die junge Schauspielerin mit Geringschätzung, weil er gern seine eigene Frau Vivien Leigh in der Rolle gesehen hätte, was Hitchcock zum Anlass nahm, Fontaine zu erzählen, das gesamte Team würde sie hassen, um genau die scheue und unsichere Darstellung aus ihr herauszukitzeln. Fontaine zeigt eine starke Leistung, bleibt durchweg sympathisch und verändert sich im Lauf des Films fast unmerklich, sie gewinnt an Selbstsicherheit und ist kurz vor Schluss sogar Oliviers Retterin, als er zusammenbricht.

Laurence Olivier befand sich hier auf dem Höhepunkt seiner Attraktivität und Nonchalance, dank seiner Kunst wird eine eher eindimensionale Figur (der starke, aber leidende Held) faszinierend lebendig und facettenreich. Ein Beispiel seines Talents sieht man in der großen Offenbarungs-Szene im Bootshaus, wenn ein Feuerzeug-Requisit offensichtlich nicht angeht und er dies übergangslos in sein Spiel miteinbezieht.
Neben den beiden Hauptdarstellern hinterlässt natürlich Judith Anderson den stärksten Eindruck. Sie ist der wahre "Geist" von "Manderley", eine Untote, die durch das düstere Gemäuer schwebt und ihrer alten Herrin nachtrauert, deren Wäsche und Toilettenartikel liebkost (ein deutlich fetischistisches Verhalten, das Hitchcock sicher gefallen hat). Mit ihrer Figur kehrt Hitchcock erstmals in den Bereich des Horrorkinos zurück, das er nach seinem Stummfilm "The Lodger" zugunsten von Spionage- und Mordgeschichten aufgegeben hatte. Wenn sie in einer Nebelnacht Fontaine zu überreden versucht, aus dem Fenster zu springen, erreicht REBECCA eine geradezu expressionistische Qualität, bei der man unwillkürlich an Fritz Lang denkt.

Der Oscar, den Joan Fontaine ein Jahr später für Hitchcocks "Verdacht" bekam, gilt allgemein als Entschuldigung dafür, dass ihr der Preis für REBECCA vorenthalten wurde. REBECCA wurde von der Academy zum besten Film des Jahres gewählt, Komponist Franz Waxman erhielt für seine atmosphärische Musik ebenfalls die begehrte Trophäe. Hitchcock ging leer aus, so sollte es leider auch bleiben. Aber sein Einstieg ins Hollywood-Geschäft war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg, mit REBECCA als zeitlosem, künstlerischem wie kommerziellem Triumph.

9.5/10

Kommentare:

  1. Auch ein absolut genialer Film. Was hab ich mich früher vor dieser Miss Danvers gefürchtet. Sie ist für mich bis heute ein unvergessener Filmbösewicht....

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  2. Oh wie peinlich, Du hast natürlich recht.

    Ich mag Laurence Olivier, aber ich kenne Deine Abneigung ja schon vom "Prinz" mit MM. :-)

    LG!

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  3. Ja, da geht er für meine Begriffe nun mal überhaupt nicht! Vielleicht rührt meine Aversion ja daher. Prägende Kindheitserlebnisse, Du verstehst?! ;-)

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