Sonntag, 2. Mai 2010

Psycho II (1983)

Es ist 22 Jahre später (eigentlich 23), und Norman Bates kommt nach Hause...

Hitchcock-Verehrer Richard Franklin, der zuvor bereits mit "Road Games" (1981) eine Hommage an den Großmeister der Spannung gedreht hatte, erhielt den Auftrag für eine Fortsetzung des Klassikers, und die fiel überraschend gut aus. Natürlich kann sich Franklin nicht mit Hitchcock messen, aber er ist sich dessen bewusst und stellt gleich zu Beginn klar - wenn er die berühmte Dusch-Sequenz aus dem Original vorausschickt - wer der Meister, und wer der Schüler ist.

Norman Bates (Anthony Perkins, gut gealtert) wird in Franklins Fortsetzung aus der Psychiatrie entlassen und kehrt zurück an den Ort des Geschehens. Er lernt die junge Kellnerin Mary (Meg Tilly) kennen, die aber einen heimlichen Plan verfolgt - gemeinsam mit ihrer Mutter Lila Loomis (Vera Miles, ebenfalls gut gealtert) versucht sie, Norman Bates wieder in den Wahnsinn und zurück in die Anstalt zu treiben. Währenddessen gehen die Morde weiter - aber wer steckt nun wieder hinter denen? ...

Zugegeben, das Drehbuch schlägt einige sehr kuriose Haken und überrascht durch ständig neue Wendungen, aber die halten den Film erstaunlich unterhaltsam und sind gar nicht so dumm - so wird das Thema der gespaltenen Persönlichkeit Normans geschickt auf die Nebenfiguren übertragen, die sämtlich zwei Gesichter haben. Hinter Marys unschuldiger Fassade steckt ein diabolischer Plan, hinter der aufgeräumten und energischen Lila Loomis steckt eine hysterische, dominante Sadistin. In PSYCHO II wimmelt es geradezu von gestörten Beziehungen und Personen. Anthony Perkins darf dagegen das Opfer spielen, mit dem man Mitleid hat, was sehr gut funktioniert. Durch ihn kann PSYCHO II sogar das Thema Rehabilitation seriös aufarbeiten. Ein Mann wie Norman hat mit seiner Geschichte außerhalb der Anstalt keine Chance. Er wird ununterbrochen gedemütigt, beleidigt und abgewiesen, er wird von Erinnerungen verfolgt und gequält. Man muss es Richard Franklin hoch anrechnen, wie sensibel er mit der Bates-Figur umgeht, und Perkins verleiht seinem Bates Traurigkeit und Würde.

Ein zusätzlicher Reiz des Films liegt in der Ausnutzung der klassischen Sets. So bekommen wir viel mehr vom alten Haus und dem Motel zu sehen als in Hitchcocks Vorgänger. Die berühmten Sequenzen des Originals werden von Franklin aufgegriffen und originell variiert - eine Duschszene nimmt z.B. einen ganz anderen Ausgang als erwartet. Hitchcocks makabere Freude beim Zeigen einer Toilette im Jahr 1960 wird von Franklin ebenfalls fortgesetzt, wenn aus der Toilette im Bates-Haus plötzlich Blut quillt. Man kann nur konstatieren, dass er sich in allen Details große Mühe gibt, auch wenn das Finale vielleicht eine Wendung zuviel bietet und die sorgsam aufgebaute Spannung groteske Züge annimmt.

Komponist Jerry Goldsmith widersetzt sich der Versuchung, mit Bernard Herrmanns Originalmusik zu konkurrieren. Er hat einen sehr schönen, ebenso schlichten wie eingängigen Score komponiert, der den Film hervorragend unterstützt. Insgesamt ist PSYCHO II vielleicht eine Spur zu lang geraten und nicht vollends gelungen, aber er hätte so viel schlechter werden können. Er kann sich als eigenständiger Psycho-Thriller sehen lassen und bereitet Hitchcock keine Schande, allein das ist bemerkenswert.

Ich habe PSYCHO II im zarten Alter von 14 im Kino gesehen, er hat einen unvergesslichen Eindruck auf mich gemacht - vielleicht ungefähr so, wie sich das Publikum 1960 gefühlt hat, als Norman Bates erstmalig auf die Zuschauer losgelassen wurde. Ich mag ihn sehr.

09/10

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