Donnerstag, 20. Mai 2010

Petulia (1968)

Seinerzeit von Kritikern und Zuschauern weitgehend missachtet, gilt Richard Lesters PETULIA heute als einer der essentiellsten Filme der 60er, ein unkonventionelles Meisterwerk voller Avantgarde, Anti-Amerikanismus, getragen von großartigen Schauspielern.

Der Plot ist simpel genug: Der desillusionierte Arzt Archie (George C. Scott) verliebt sich in die flatterhafte, verheiratete Petulia (Julie Christie). Als ihr neurotischer Ehemann (Richard Chamberlain) davon erfährt, bahnt sich eine Tragödie an...

Soweit so bekannt, sollte man meinen. Aber Regisseur Richard Lester zerschmettert die lineare Erzählung zu einem filmischen Puzzle, er beginnt im Mittelteil (Scott und Christie sind längst ein Paar), anhand von Rückblenden und Vorblenden erfahren wir im Laufe des Films, wie es begann und wie es endet. Der Zuschauer muss selbst die Chronologie im Kopf zusammenstellen (eine Technik, die u.a. im grandiosen "21 Gramm" wieder aufgegriffen wurde). Ebenso bleibt das Beziehungsgeflecht verschlüsselt. Sympathien und Antipathien gegenüber den Charakteren werden ebenfalls nicht vorgegeben, alle Figuren besitzen ebenso liebenswerte wie abstoßende Züge. Ihr Verhalten wird nie bewertet. Damit gehört Lesters wohl bester Film zu den herausragenden Beispielen des späten 60er/frühen 70er-Kinos, das wir heute so schmerzlich vermissen. Dies war eine Zeit, in der das amerikanische Mainstream-Kino ein weites Feld der Experimente sein durfte.

Werden viele Elemente in PETULIA bewusst unklar gehalten, läuft der Kultur- und Sozialpessimismus von Richard Lester ungebremst auf Hochtouren. In einer Schüsselszene wollen Petulia und Archie eine Liebesnacht in einem Motel verbringen, doch das voll-automatisierte Einchecken wird zu einer bitterbösen Tortur. Das moderne Leben, der unaufhaltsame Fortschritt, sorgt nicht nur für eine gesellschaftliche Dehumanisierung (Menschen werden durch Maschinen ersetzt), sondern auch für allgemeine Entfremdung und Beziehungskälte. Moralische Richtlinien existieren nur noch rudimentär. Nachrichten über den Vietnamkrieg laufen durchgehend im Hintergrund.

Dennoch ist PETULIA kein deprimierender Film. Er erzählt sein erschütterndes Drama in faszinierenden, teils psychedelischen und hypnotischen Bildern, eingefangen vom genialen Kameramann und späteren Regisseur Nicolas Roeg. Tatsächlich scheint Roegs Anteil hier entweder sehr hoch zu sein, oder er hat sich in seinen eigenen Filmen stark an PETULIA orientiert. Seine assoziativen, blitzschnellen Szenenwechsel und Schnitte innerhalb von Sequenzen wurden sein Markenzeichen. Beim ersten Sehen mag PETULIA durch seine bewusste Künstlichkeit etwas anstrengend wirken, doch wenn man die Geschichte für sich aufgeschlüsselt hat, kann man ihn wunderbar genießen.

Dazu ist PETULIA ein hervorragender Schauspielerfilm. George C. Scott spielt eine seiner beeindruckendsten Rollen, Julie Christie ist wieder einmal hinreißend schön, dabei gleichzeitig verletzlich und zutiefst gestört, Richard Chamberlain zeigt in einer ungewohnten Rolle eine brillante Leistung. Hinter seiner geschniegelten, eisigen Fassade lauern unberechenbare Brutalität und Machtgier. Er will Petulia besitzen und dominieren, leidet dabei selbst unter einem Minderwertigkeits- und Vaterkomplex, Petulia hingegen schafft es nicht, sich von ihm zu lösen, weil sie selbst die Demütigung sucht. George C. Scott möchte endlich wieder "etwas fühlen". Keine schöne neue Welt, in der sie wie Kinder miteinander spielen und aufeinander eindreschen. In einer atemlos nach vorne steuernden Umgebung sind sie (und wir) die emotional Zurückgebliebenen.

PETULIA ist leider hierzulande nicht auf DVD erschienen, dafür aber in den USA. Er gehört zu den wichtigsten Filmen der 60er und genießt verdienten Kultstatus. Er wird oft als Anti-"Reifeprüfung" bezeichnet, weil er das Lebensgefühl der Generation ebenso exzellent einfängt wie Nichols' Film, dabei aber die US-Mythen gnadenlos entlarvt, anstatt ihnen zu huldigen.

08/10

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