Sonntag, 9. Mai 2010

Nightmare - Mörderische Träume (1984)

Dieser erste und bei weitem beste Teil der mittlerweile unsterblichen "Nightmare on Elm Street"-Reihe war 1984 ein Riesenhit und hat sich über die Jahrzehnte außergwöhnlich gut gehalten. Neben seiner spannenden Geschichte und der originellen Grundidee bietet er zudem verschiedene interessante Subtexte an. Mit NIGHTMARE ist Wes Craven ein moderner Klassiker gelungen, der nicht nur als effektiver Horrorfilm zu werten ist, sondern auch als hervorragendes Kino.

Die Story sollte bekannt sein: die junge Nancy (Heather Langenkamp) wird in ihren Träumen von dem ehemaligen Kindermörder Fred Krueger (Robert Englund) heimgesucht. Nach und nach fallen ihre Freunde dem Killer im Schlaf zum Opfer. Nancys einzige Chance, ihn zu besiegen: sie muss ihn aus dem Traum in die Realität holen - aber wie?

Eins, zwei, Freddy kommt vorbei - ein simpler Kinderreim, der mittlerweile fester Bestandteil der Popkultur geworden ist. Wes Craven hatte sich jahrelang bemüht, sein Drehbuch an den Mann zu bringen und wurde überall abgewiesen. Die Begründung: zu kompliziert sei die Geschichte, wie sollen Zuschauer zwischen den realen und den Traumsequenzen unterscheiden? Schließlich fand er bei New Line ein Zuhause und realisierte dort sein Lieblingsprojekt, das zum Sensationserfolg wurde. Für die Glaubwürdigkeit besetzte er weitgehend unbekannte Gesichter - eines von ihnen hat heute eine beachtliche Karriere vorzuweisen: Johnny Depp, der hier noch den Freund der Heldin spielt.

Vieles ist an NIGHTMARE zu loben. Die Art, wie Craven seine jugendlichen Charaktere ernst nimmt und ihre Ängste schildert (der Tod der Freunde macht ihnen sichtbar zu schaffen). Die Darstellung der zerstörten, ehemals heilen Familie (Nancys Eltern sind geschieden, die Mutter trinkt bereits Wodka zum Frühstück und versteckt den Fusel im Wäscheschrank), mit der Craven fast schon subversiv den amerikanischen Konservativismus der 80er untergräbt. Seine Grundidee ist so simpel wie genial - eine tödliche Macht zu erschaffen, die im Schlaf kommt - wie um alles in der Welt soll man sich gegen böse Träume wehren? Diese Ausgangssituation schafft eine unglaublich starke Spannung und eine körperlich fühlbare Bedrohung.

Freddy Krueger, inzwischen Kultfigur des modernen Horrorkinos, darf hier noch ohne "lustige" One-Liner als düstere Schreckensgestalt agieren, als böser Übervater, Nachtgespenst, Boogey Man, ganz ähnlich einem Michael Myers. Er bekommt nur wenig Dialoge, kann seine Gestalt beliebig ändern, taucht immer aus dem Nichts aus und sorgt für wohlige Schauer und blankes Entsetzen. Die Traumsequenzen sind klar abgegrenzt und bestechen durch fast schon surreale Ideen - wie etwa eine Treppe, die sich plötzlich in eine zähe Masse verwandelt (als Bebilderung für das Traum-Gefühl, zu laufen und dabei nicht von der Stelle zu kommen).

Die Angst vor dem Schwarzen Mann lässt Nancy nicht mehr schlafen, sie nimmt Aufputschmittel und trinkt literweise Kaffee (sie brüht heimlich Kaffee unter dem Bett). Hier gelingt es Craven bravourös, das Lebensgefühl der Teenager-Generation zu erfassen - die Angst, etwas zu verpassen, die Nächte durchzumachen, sich gegen die Elterngeneration aufzulehnen, welche strikte Bettruhe zu festen Zeiten verordnet.
Nancys Mutter lässt aus Sorge um ihre Tochter alle Fenster vergittern - ein weiteres gelungenes Bild für pubertäre Nöte und das Gefühl, von den Eltern "eingesperrt" zu werden. Doch die Bedrohung kommt eben nicht von außen, sondern von innen. Die Ursache für die mörderischen Vorgänge findet sich in einer Sünde der Elterngeneration, die den Kindermörder einst selbst zur Strecke brachte. Dieser Akt der Selbstjustiz lässt nun deren Kinder nicht mehr schlafen und sorgt für ihr frühzeitiges Ableben.
Die Schuld, die an die nächste Generation weitergereicht wird, ist ein klassisches Horror-Motiv (wir erinnern uns an Hexenverbrennungen im Film, bei denen "Kinder und Kindeskinder" verflucht werden, wie es immer so schön heißt) und wird von Craven wunderbar modernisiert. Die Ermordung von Freddy Krueger war streng genommen nichts anderes als eine Hexenjagd (er wurde in einem Heizungskeller verbrannt), gerechtfertigt oder nicht.

Die Kritik zeigte sich angetan von Cravens Film, bemängelt wurden einige logische Holperer, die kaum vermeidbar sind, wenn man eine so fantastische Prämisse durchspielt. Das Schock-Ende sorgte für etwas Unmut, dabei bleibt es innerhalb der filmischen Logik durchaus konsequent. Cravens schlussendliche Botschaft lautet: fühle dich niemals sicher, selbst wenn alles friedlich und hübsch aussieht. Nicht umsonst sind es die gut betuchten Mittelklasse-Familien in ihren Vorzeige-Häusern, die ein schmutziges Verbrechen begangen haben, das sie wieder einholt, und in deren Häusern sich das Grauen abspielt. Damit wird NIGHTMARE auch zu einem politischen und durchaus satirischen Film.

Insgesamt bietet NIGHTMARE sehr viel mehr als der durchschnittliche Slasher-Film, der Anfang der 80er in Mode war und zumeist einen schlichten Body Count abfotografierte. NIGHTMARE ist ein herausragender Beitrag des Genres, hat mehrere Fortsetzungen erhalten, im Moment wird (natürlich) ein Remake gedreht. Überflüssig, denn das Original wirkt bis auf einige Kostüme und Frisuren frisch wie eh und je.

09/10

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