Dienstag, 4. Mai 2010

Mord im Orient-Express (1974)

Der Orient-Express steckt in einer Schneewehe fest, und ein unangenehmer Fahrgast (Richard Widmark) wird im Schlaf ermordet. Wie gut, dass sich unter den illustren Gästen auch Meisterdetektiv Hercule Poirot (Albert Finney) befindet. Der bekommt schnell heraus, dass scheinbar alle Passagiere miteinander verwandt sind, bzw. einem gewissen Haushalt angehörten, in dem ein tragisches Ereignis seine Spuren hinterlassen hat...

Ein moderner Klassiker des Kriminalfilms ist Sidney Lumets Adaption des Agatha Christie-Romans geworden, und das, obwohl der Film seinerzeit eher lauwarme Kritiken erhielt (er wurde als zu behäbig bezeichnet). Tatsächlich passiert auf der oberflächlichen Ebene außer dem Mord auch nichts Aufregendes in dem über zwei Stunden langen Film, aber was macht das schon angesichts des überwältigenden Aufgebots von Schauspielern, die allesamt diese Berufsbezeichnung mehr als verdienen? Ein Starensemble alleine kann niemals Garant für einen guten Film sein (dafür gibt es zu viele Beispiele, in denen dieses Konzept in die Hose ging), aber hier macht es genau den Reiz und die Klasse des Films aus.

Sidney Lumet hat sich oft als hervorragender Schauspieler-Regisseur bewiesen. Unter seiner Führung läuft das Ensemble zu absoluter Hochform auf. Ingrid Bergman erhielt den Oscar für eine Kleinstrolle, allein ihr Verhör durch Albert Finney, in welchem sie von "kleinen, braunen Babys" berichtet, um die sie sich seit ihrem spirituellen Erwachen kümmert, lohnt das Ansehen des Films. Daneben darf Anthony Perkins wieder einmal (mit Augenzwinkern) den Neurotiker spielen, der beim Wort "Mutter" zu stottern beginnt. Die potentielle Mörderriege wird angeführt von der großartigen Lauren Bacall, die neben Finney für den Humor zuständig ist. Die leichten Anflüge von Zickenkrieg, die im Orientexpress stattfinden, wurden in späteren Christie-Verfilmungen deutlich ausgebaut.
Herausragend sind auch Wendy Hiller und Rachel Roberts als russische Prinzessin und deren Gouvernante. Albert Finney zeigt als Hercule Poirot eine Leistung, die der von Agatha Christie erschaffene Figur sehr nahe kommt. Anders als der (wunderbare) Peter Ustinov, der als Poirot stets den liebenswerten Knuddelbär spielte, fängt Finney in seiner Darstellung die oft schon unangenehme Skurrilität Poirots genial ein.

Neben den Star-Auftritten gelingt Sidney Lumet aber auch eine starke Atmosphäre für sein Kammerspiel. Kameramann Geoffrey Unsworth ("2001: A Space Odyssey") findet immer wieder interessante Kamerapositionen im engen Set, und das Finale - die Auflösung des Mordes - mutet geradezu schaurig an. Filmkomponist Richard Rodney Bennett hat einen beschwingten Walzer-Score für den eleganten Zug komponiert (über den der große Bernard Herrmann allerdings wenig begeistert war. "Das ist ein Zug des Todes! Wie kann man nur einen Walzer spielen?").

MORD IM ORIENT-EXPRESS erhielt sechs Oscar-Nominierungen, war ein großer Hit beim Publikum und diente fortan als Blaupause für Christie-Verfilmungen. Dank der dichten Regie und sensationellen Schauspieler ist er immer wieder ein Vergnügen.

9,5/10

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