Montag, 31. Mai 2010

Jung und unschuldig (1937)


Zwischen Alfred Hitchcocks vielbesprochenen britischen Meisterwerken "Eine Dame verschwindet" und "39 Stufen" gerät die Kriminalkomödie JUNG UND UNSCHULDIG (Young and Innocent/ The Girl was Young) oft in Vergessenheit, ich persönlich mag diesen sympathischen kleinen Film von allen britischen Filmen des Meisters am liebsten, weil er sich selbst nicht besonders ernst nimmt, eine straffe, spannende Geschichte und liebenswerte Protagonisten aufbietet.

Die Story ist schnell erzählt: Gewittergrollen, Blitze, die rauschende Meeresbrandung, ein Ehekrach, ein eifersüchtiger Ehemann mit beunruhigendem Augenzwinkern, und schon wird frühmorgens eine Frauenleiche am Strand angespült. Der junge Derrick de Marney findet die Tote und wird gleich für ihren Mörder gehalten. Als er eine Chance bekommt, der Polizei zu entfliehen, nutzt er sie und zieht die Polizistentochter Nova Pilbeam gleich mit ins Abenteuer. Gemeinsam suchen sie alsbald den wahren Täter...

Viele von Hitchcocks bekannten Motiven finden sich bereits hier - der Unschuldige auf der Flucht, die naive junge Dame, die zur erwachsenen Liebenden reift, die Verkettung widriger Umstände, die unfreiwillige Bindung der Helden aneinander (diesmal allerdings nicht mit Handschellen wie in den "39 Stufen"), das Wechseln von Identitäten (De Marney muss sich u.a. als Anwalt verkleiden). Dazu kommen ein paar kreischende Möwen, eine Wasserleiche ("Frenzy") und mehrere eingenommene Mahlzeiten.
Verzichtet hat Hitchcock dieses Mal auf seine eisgekühlte Blondine mit Feuer unter der abgebrühten Oberfläche, stattdessen zeichnet er mit der erfrischenden Nova Pilbeam (die 1934 in Hitchcocks erster Verfilmung von "Der Mann, der zuviel wusste" als entführtes Kind ihr Leinwanddebüt gab) ein "gewöhnliches" Mädel mitten aus dem Leben, das mit Herz und Verstand eingreift und sich durch ihre Erlebnisse vom Vater, dem behüteten Zuhause und der eingenommenen Mutter-Rolle lösen kann.

Zitiert wird oft die große Kamerafahrt durch einen kompletten Ballsaal, die am Ende den wahren Mörder enthüllt, welcher in einer Band verkleidet Schlagzeug spielt, und der sich der nahenden Kamera (und uns) durch sein neurotisches Augenzwinkern verrät (hatte nicht Norman Bates ein Stotter-Problem...?), bevor die Helden ihn bemerken.
Doch es sind vielmehr die Kleinigkeiten, die JUNG UND UNSCHULDIG so zauberhaft machen. Die Familienszenen im Polizistenhaushalt etwa sind äußerst bemerkenswert und bestechen nicht nur durch den skurrilen Humor, sondern erfahren auch eine entscheidende dramaturgische Änderung, wenn Pilbeam beim letzten Mittagessen bereits eine völlig andere Frau geworden ist und ihre Brüder dies mit Anteilnahme und Respekt zur Kenntnis nehmen, während sie sich zu Beginn des Films nur um eigene Belange gekümmert haben.
An einer anderen Stelle muss sich Pilbeam im buchstäblichen Sinne für ihren weiteren Lebensweg entscheiden, wenn sie mit ihrem Wagen an eine Kreuzung gerät und eine Richtung zum sicheren Zuhause führt, die andere hinein ins Abenteuer Liebe. Hitchcock erleichtert ihr die Entscheidung durch ein augenzwinkerndes Detail, doch ihr Weg ist ohnehin klar.

Derrick de Marney wird bei der Besprechung Hitchcocks früherer Werke selten berücksichtigt, zu sehr steht er im Schatten von Robert Donat, aber er ist ein rührender, komischer und sympathischer Jedermann, der sich mit List aus brenzligen Situationen zu retten weiß und als Held erblüht, wenn er Nova Pilbeam aus dem Wagen rettet, der in einen Minenschacht zu stürzen droht. Beiden zur Seite steht Edward Rigby als Obdachloser Old Will, der den Schlüssel zur Enttarnung des Mörders besitzt, ohne es zu ahnen.

In der wohl besten Szene des Films geraten Pilbeam und De Marney auf ihrer Flucht in einen Kindergeburtstag, wo sie alles mögliche anstellen müssen (inklusive dem schnellen Beschaffen eines Geschenks), um keinen Verdacht bei einer misstrauischen Tante zu wecken - eine der vielen überdominanten Mütterfiguren in Hitchcocks Werk, die von ihrem Ehemann erst als 'blinde Kuh' verkleidet werden muss, damit unser junges Paar fliehen kann.
Hier befindet sich Hitchcock auf dem Höhepunkt seiner Kreativität und schafft eine wunderbare Verbindung von Suspense und Humor. Diese Sequenz wurde übrigens für die Auswertung in den USA entfernt, vermutlich fand man sie zu albern - so falsch kann man liegen.

JUNG UND UNSCHULDIG fehlt die atemlose Spannung und lässige Screwball-Eleganz von "Eine Dame verschwindet", auch geraten unsere Helden nicht in einen expressionistischen Alptraum wie Robert Donat in den "39 Stufen", aber die für Hitchcock typischen Elemente finden sich alle am richtigen Platz, während er sich gleichzeitig amüsiert zurücklehnt. Man merkt dem Film an, dass er nicht mehr sein will als er ist, humorvolle und spannende Unterhaltung ohne eine Minute Langeweile.

10/10

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