Montag, 10. Mai 2010

Eine Witwe mordet leise (1969)

Robert Aldrich, der mit seinem Klassiker "Was geschah wirklich mit Baby Jane" (1961) eine kurze Welle von Horrorfilmen mit alten Diven des Hollywood-Kinos auslöste, produzierte diese makabere schwarze Komödie mit dem (wirklich) unoriginellen Titel WHATEVER HAPPENED TO AUNT ALICE?. In den Hauptrollen brillieren zwei der talentiertesten Damen des amerikanischen Films, Geraldine Page ("Süßer Vogel Jugend", 1962) und die wundervolle Ruth Gordon ("Rosemary's Baby", 1968).

Page spielt die titelgebende Witwe, die nach dem Ableben ihres Mannes feststellen muss, dass er ihr nichts außer seiner Briefmarkensammlung hinterlassen hat und sie nun mittellos dasteht. Also zieht sie nach Arizona und stellt alleinstehende Haushälterinnen ein, die sie dann um die Ecke bringt und deren Ersparnisse einstreicht. Da niemand nach den älteren Damen sucht, wird auch niemand misstrauisch. Die Leichen vergräbt sie unter ihren Pinien im Vorgarten, die mit solch edlem Dünger besonders schön wachsen und gedeihen. Doch die neue Hausangestellte Ruth Gordon spielt ein doppeltes Spiel und ist der mordenden Witwe bereits auf der Spur...

Und damit beginnt ein herrlich verschrobenes Katz- und Mausspiel zwischen den rüstigen Seniorinnen. Geraldine Page hat dabei die klare Abräumer-Rolle. Sie versieht ihre Figur mit allen nur erdenklichen unsympathischen Zügen - sie ist snobistisch, arrogant, egozentrisch, beleidigend, rechthaberisch, geizig und noch einige andere Dinge, ganz zu Schweigen von hochgradig irre. Wenn sie versucht, einen Hund umzubringen, der auf ihrem Grundstück herumschnüffelt, wünscht man ihr spätestens die Pest an den Hals und hofft inständig, dass Ruth Gordon sie zur Strecke bringt. Gordon spielt wesentlich subtiler als Page eine graue Maus, die zu jedermann freundlich und harmlos ist und sich dadurch in tödliche Gefahr begibt.

Obwohl Regisseur Lee H. Katzin noch andere Figuren und Schauplätze nutzt, bleibt sein Film ein Kammerspiel, ein Zwei-Personen-Stück, dem man fasziniert zuschaut. Der Humor ist sowohl feinsinnig als auch derbe. Gleich in der ersten Szene verabschiedet sich Page von ihrem verstorbenen Mann, um dann aus den Trauerblumen auf dem Sarg ein paar hübsche für ihre Vase daheim mitzunehmen.
Gegen Ende rutscht der Film klar ins Horrorgenre ab (ähnlich wie "Baby Jane", der über weite Strecken Melodram bleibt) und erreicht eine intensive Spannung, endet dann mit einer passend makaberen Pointe und einer endgültig durchgeknallten Page. Einige wenige Längen, die allesamt mit Pages neuer Nachbarin zu tun haben, die sehr ausführlich bespielt wird, im Grunde aber zu vernachlässigen ist, sind absolut zu verschmerzen. Ungewöhnlich und sehenswert ist auch der Schauplatz des Films. Pages Haus, in dem sich die Geschichte hauptsächlich abspielt, steht in Tucson, Arizona (nebenbei der Ort, in dem Janet Leighs Filmschwester Vera Miles in "Psycho" lebt, auf den sich sämtliche Filme des Grande Dame Guignol-Kinos beziehen), am Rand der Wüste, wo niemand die nächtlichen Schreie der gemeuchelten Haushälterinnen hört, der Wind unentwegt ums Haus heult und der Wüstenstaub die frischen Gräber bedeckt...

EINE WITWE MORDET LEISE ist ein klasse Stück Schauspielkino, böse, komisch und hinterhältig (mit einer überraschenden Wendung gegen Ende wird der Zuschauer sehr heimtückisch überfahren). Ein Geheimtipp!

10/10

Kommentare:

  1. Mensch, der olle deepred wird aufm DVD-Cover zitiert - war aber längst mal fällig! :-))

    AntwortenLöschen
  2. Und ich hab' nix dafür bekommen. :-) Trotzdem gern geschehen. LG, Mathias

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...