Montag, 17. Mai 2010

Ein Quantum Trost (2008)

Der 22. Bond ist wahrscheinlich der am schwierigsten zu beurteilende Beitrag überhaupt.
Beim ersten Sehen war ich entsetzt, wie schlampig der Film mit den Vorgaben des exzellenten "Casino Royale" umgeht, wie konfus er geschnitten, erzählt und uninteressant er geschrieben ist, wie nichtssagend die Frauen und Bösewichter, und wie eindimensional die Bond-Figur angelegt ist.

Beim zweiten Sehen musste ich aber etwas Kritik revidieren. Noch immer kann mich EIN QUANTUM TROST (Quantum of Solace) nicht überzeugen, und er rangiert für mich innerhalb der Reihe auf den hintersten Plätzen. Dazu muss ich sagen, dass ich nicht zu den Bond-Fans gehöre, die eine klare Vorstellung von ihrem Bond haben, und von der nicht abgewichen werden darf. Von mir aus kann Bond Korn trinken und Hawaii-Hemden tragen, ich will aber einen guten Film! Und der ist QUANTUM leider nicht.

Inhaltlich knüpft QUANTUM an "Casino Royale" an. Bond versucht, den Tod von Vesper Lynd (Eva Greene) im Vorgänger zu rächen und die Hintermänner ausfindig zu machen. Dabei gerät er an Dominic Greene (Mathieu Amalric), der mit unterirdischen Wasservorräten in Bolivien das große Geschäft machen will...

Für jemanden, der "Casino Royale" nicht gesehen hat, ist die Handlung des Nachfolgers kaum zu verstehen, die wichtigen Infos werden nur beiläifig serviert. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn denn der Masterplan des Gegenspielers Greene einigermaßen interessant wäre. So richtig die Idee scheint, in der heutigen Weltlage Wasser als kostbares Vermögen für den Oberbösewicht zu nutzen, so unspektakulär und nachlässig wird der Plot nach Hause geschaukelt. Er rangiert auf einer Ebene mit den Silicon Valley-Plänen Christopher Walkens in "A View to a Kill", einige Einstellungen von tropfenden Wasserhähnen in armen Dörfern helfen da bei weitem nicht, um eine weltweite Bedrohung zu vermitteln.
Mathieu Amalric, der in französischen Filmen so hervorragend agiert, gehört leider zu den uninteressantesten Gegenspielern der Bond-Geschichte. Nicht nur scheint er überfordert mit der Rolle und flüchtet sich in Klischees (er spricht sehr leise, um dann "überraschend" loszubrüllen, und das jedes Mal mit Ansage), er besitzt auch keinerlei Präsenz in all dem technischen Overkill. Die deutsche Synchronisation versetzt ihm übrigens den Todesstoß, indem er mit einem schlimmen französischen Akzent gesprochen wird (und das ausgerechnet von Oliver Rohrbeck, einem meiner Lieblingssprecher! Schäm dich, Oliver!).

Gleiches gilt für Bonds Partnerin Olga Kurylenko, die vielleicht auf Laufstegen für Furore sorgt, aber keinen einzigen Satz glaubwürdig über die Lippen bringt und den gesamten Film mit einem einzigen glasigen Gesichtsausdruck absolviert. Gerade nach der charismatischen Eva Greene im Vorgänger ist sie ein ganz furchtbarer Rückfall in Tanya Roberts-Zeiten. Gemma Arterton als britische Konsulats-Angestellte kann da schon mehr erfrischen, doch der Film gibt ihr nicht genügend Raum. Ihr Filmtod ist so dreist aus "Goldfinger" gestohlen (wieder diese angebliche Hommage...), dass einem die Spucke wegbleibt. Ihr Tod berührt ebenso wenig wie der Rest des Films. Man schaut unbeteiligt zu, wird in der kurzen Lauflänge von 106 Minuten (ein Novum) leidlich unterhalten, aber nie mitgenommen. Wieder einmal wird Humorlosigkeit mit Ernsthaftigkeit verwechselt.

Weitere Minuspunkte: der ohrenbetäubende Titelsong, der auch nach dem zwanzigsten Hören nicht besser wird, ein schwerfälliges Finale mit zu vielen CGI-Effekten, eine schrecklich langweilige Haiti-Passage und zu guter Letzt wieder der Griff in die Psychologie-Kiste für Anfänger à la "Goldeneye" ("Dein Gefängnis ist da drinnen", stammelt Kurylenko zu Bond und deutet auf seinen Kopf - wie wahnsinnig tiefschürfend!).

Allgemein kritisiert wurde die Schnitt-Technik von Regisseur Marc Forster, die ähnlich wie in der "Bourne"-Trilogie dem Zuschauer keine Möglichkeit gibt, das Geschehen zu verfolgen, sondern nur bruchstückhaft zu "erleben". Diese Art des Schnitts befindet sich tatsächlich auf der Höhe der Zeit, das Kino-Publikum wird konstant dazu erzogen, diesen als gängige Praxis zu akzeptieren. Regisseure wie Forster häufen lediglich eine Menge Material an, das im Schneideraum unzählige Varianten möglich macht. Das ist ebenfalls gängige Praxis (böse Zungen würden behaupten, diese Art des Schnitts ist überhaupt nur entstanden, weil es immer mehr unfähige Regisseure gibt, die ihr Handwerk nicht beherrschen). Sei es, wie es will, mich persönlich hat der Schnitt weniger gestört als die müde Handlung.

Gibt es Highlights? Ja, wenige.
Die "Tosca"-Sequenz, in welcher Bond während einer Opernaufführung ein Geheimtreffen der Bösewichte belauscht und sich zu Erkennen gibt, wird von Forster grandios in Szene gesetzt. Der Vorspann ist erneut exzellent gestaltet, Judi Dench erhält angenehm viel Raum zur Entfaltung und kann sogar mit Gesichtsmaske bei der Abendtoilette begeistern. Giancarlo Giannini ist eine willkommene Bereicherung, sein Filmtod in einem Müllcontainer ebenso zynisch wie intelligent.
Der stilisierte Look von QUANTUM kann ebenfalls gefallen (Gibt es eigentlich eine Vorschrift beim MI6, die besagt, dass alle Angestellten nur Schwarz oder Weiß tragen dürfen?). Wenn Craig und Kurylenko in Abendgarderobe durch die Wüste stolpern, verbindet sich das ultra-moderne mit dem klassischen Bond-Kino.

Bleibt noch Bond selbst. Daniel Craig bekommt dieses Mal so wenig Dialog wie nie zuvor, er ist ein schweigsamer, mürrischer und rachsüchtiger Held, ähnlich wie Timothy Dalton in "Lizenz zum Töten" (ihm wurde genau das zum Verhängnis). Humor gibt es für ihn keinen, er stapft weitgehend emotionslos durch den Film, wird erneut an jeder Ecke ramponiert und bringt alles um, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das macht er zwar überzeugend, und allein seine physische Präsenz ist enorm, aber es bleibt doch ein Rückschritt gegenüber der differenzierten Charakterzeichnung aus "Casino Royale". Im Jahr 2008 dürfen sich Action-Helden nicht mehr wohl fühlen. Action- und Comic-Helden bekommen Identitätskrisen und geraten in moralische Dilemmas. Für mich ein alberner, überflüssiger und öder Trend, aber das Publikum will es offenbar so.

Unterm Strich kann mich EIN QUANTUM STUSS, äh, TROST nach wie vor nicht begeistern. Wenn gerade nichts Aufregendes passiert, tritt der Film auf der Stelle oder sackt in Belanglosigkeit ab. Das ist nach "Casino Royale" wirklich enttäuschend. Bleibt also abzuwarten, wie es mit der Reihe weitergeht...

03/10

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