Montag, 24. Mai 2010

Die Affäre (2009)

Die verheiratete Suzanne (Kristin Scott Thomas) verliebt sich in den spanischen Bauarbeiter Ivan (Sergi Lopez) und verlässt Ehemann Samuel (Yvan Attal) und ihre Kinder. Samuel sperrt die Konten und verlangt ihre Rückkehr, bald sind Suzanne und Ivan pleite, harte Zeiten brechen an, kaum noch besteht die Möglichkeit eines guten Ausgangs...

Diesen Ausgang erzählt Regisseurin Catherine Corsini gleich zu Beginn und lässt den Film dann als Rückblende ablaufen. Schade, denn so weiß man von Anfang an, wie die Geschichte ausgeht (bzw. man ahnt es stark und liegt damit richtig). Mich hat dieser Kunstgriff doch sehr gestört, weil er einen Großteil der psychologischen Spannung zerstört, gerade im letzten Drittel.

Corsini konzentriert sich in dieser Erzählung einer typisch französischen "Amour Fou" ganz auf ihre Protagonistin, was ebenso Segen wie Fluch ist. Segen, weil Kristin Scott Thomas eine unglaublich intensive und eindringliche Darstellung zeigt. Die britische Schauspielerin hat mittlerweile einen festen Platz im französischen Kino, das ist bewundernswert. Sie wird mit jedem Jahr schöner und verletzlicher, nach "So viele Jahre liebe ich dich" ist dies erneut eine Paraderolle.
Der deutsche Titel DIE AFFÄRE trifft es nicht genau, der Originaltitel "Partir" (Verlassen) macht es deutlicher. Es geht um einen Befreiungsschlag, und der läuft mit Schmerzen und Gewalt ab. So ist Suzanne eine zwiespältige Figur, sie entscheidet (ganz in der Tradition des französischen Films) alles impulsiv und mit dem Herzen. Sie macht dabei entscheidende Fehler und verhält sich äußerst ungeschickt, aber sie kann nicht anders, das glaubt man ihr.

Leider bleiben viele Dinge neben dem faszinierenden Porträt der Suzanne im Unklaren. Nachdem wir sehen durften, wie verletzt Ehemann Samuel aufgrund des "Verrats" reagiert, verhält er sich für den Rest des Films doch sehr vorhersehbar wie ein Monster-Patriarch. Er verlangt seine Frau, seinen Besitz, zurück. Suzannes Kinder hingegen erhalten nicht einmal den Hauch von Charakterisierung. Der Sohn hält zur Mutter, die Tochter zum Vater, mehr erfahren wir nicht.
Suzannes Liebhaber Ivan (der wunderbare Lopez, der im noch besseren "Eine pornographische Beziehung" ebenfalls das Objekt weiblicher Begierde darstellte) wirkt authentisch und sympathisch, leider wird aber nie ganz klar, was ihn und Suzanne außer heißem Sex eigentlich verbindet. Sie spielen am Strand, lieben sich in der Natur, aber was geschieht darüber hinaus? Begibt sich Suzanne nicht von einer Abhängigkeit in die nächste? Und ist eine Frau nach 20 Jahren Ehe wirklich innerhalb weniger Tage komplett pleite? Hat sie in all den Jahren und bei den guten Beziehungen ihres Mannes keine Freunde, die ihr helfen? So erfrischend es ist, den Film gleich mit der Begegnung Suzanne/Ivan zu beginnen, ich hätte doch gern gewusst, wie Suzannes Leben vorher aussah (auch um zu begreifen, was sie alles aufgibt), dieser Hintergrund wird komplett ausgeblendet.

An diesen Stellen wirkt DIE AFFÄRE altmodischer als er sein müsste. In einer sehr guten Szene versucht Suzanne, einen Kredit zu bekommen, doch für die Bank war sie nur als Ehefrau von Wert, nicht als Geschiedene/Alleinstehende. In einer weiteren starken Sequenz verlässt Suzanne ein Abendessen mit den Schwiegereltern, um zu ihrem Geliebten zu fahren und wird gewaltsam von Ehemann Samuel wie ein Kind im Schlafzimmer eingesperrt. Den Koffer, den sie später packt, wirft sie ihm um die Ohren.
Ein bisschen "Lady Chatterley" ist drin, "Madame Bovary" auch, und vor allem Truffauts "Die Frau nebenan", der ähnlich endet. Dieses Ende kam für mich übrigens zu früh, der Fortgang wäre spannend gewesen. Chabrols "Die untreue Frau" wäre für mich das Beispiel, wie man die gleiche Geschichte noch differenzierter und packender erzählen kann.

DIE AFFÄRE ist empfehlenswert allein schon wegen Kristin Scott Thomas und der eleganten Schlichtheit der Inszenierung. Er verzichtet auf überflüssigen Schnickschnack und wirkt extrem realistisch, auch wenn es (zumindest für mich) mit der Glaubwürdigkeit etwas hapert. Daneben ist er einfach Balsam für Freunde des Autorenkinos abseits von Hollywood.

07/10

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