Dienstag, 4. Mai 2010

Der zerrissene Vorhang (1966)

Gretchenfrage: Ist DER ZERRISSENE VORHANG (Torn Curtain) Hitchcocks schlechtester Film?

Ich würde Nein sagen (mein Favorit wäre "Jamaica Inn"), aber er schrammt nur knapp daran vorbei. Zu naiv ist die Darstellung der ehemaligen DDR geraten (inklusive einiger atemberaubend falscher geografischer Details), zu fehlbesetzt sind seine Stars, zu spannungs- und humorlos ist das Agenten-Abenteuer. Gerettet wird der Film letztlich von einigen hervorragenden Nebenrollen, einem guten Soundtrack (dazu später mehr) und den wenigen Passagen, in denen Hitchcocks Genie durchblitzt.

Worum geht es? Paul Newman wird als US-Wissenschaftler als vermeintlicher Überläufer in die DDR geschleust, um an eine geheime Formel zu kommen. Seine Verlobte und Assistentin Julie Andrews weiß von nichts und muss sich entscheiden, ob sie bei ihm hinter dem eisernen Vorhang bleibt oder zurück in die USA fliegt. Bald schon aber wird Newman enttarnt, und unser Pärchen muss aus der DDR flüchten, was - wie man weiß - nicht gerade leicht war...

Hitchcock selbst war mit der Studio-Wahl von Newman und Andrews, die gerade zu den angesagtesten Top-Stars gehörten, nicht glücklich, das kann man nachvollziehen. Dabei spielt Newman seine Rolle durchaus glaubwürdig, es ist eher die Rolle selbst, die Probleme macht, denn sie verlangt von ihm, stets mürrisch, verschlossen und unnahbar zu bleiben, wodurch der Film einen äußerst unsympathischen Helden bekommt. Und so möchte man Newman einfach nicht sehen. Etwas weniger Star wäre hier mehr gewesen.
Julie Andrews ist als wissenschaftliche Assistentin keine Sekunde überzeugend, sie trällert ihre Dialoge, als hörte sie immer noch den "Sound of Music", ihre sonst so sympathische Leinwand-Präsenz kommt unter Hitchcock nie zur Geltung. Gegenüber Truffaut erklärte Hitchcock, dass ihn ursprünglich interessiert habe, wie sich die Frau eines Überläufers wohl fühlen musste. So ist das erste Drittel auch aus der Sicht von Andrews erzählt, doch dann gibt Hitchcock diese Perspektive unvermittelt auf und erzählt aus der Distanz weiter. Dafür wartet er aber mit brillanten Nebendarstellern auf, von denen besonders Wolfgang Kieling als kaugummikauende Stasi-Bedrohung im Gedächtnis bleibt, ebenso Lila Kedrova als verarmte Gräfin und Tamara Touvanova als böse Ballerina.

Die Mordsequenz, in der Newman mit der Hilfe einer Bäuerin Wolfgang Kieling möglichst lautlos um die Ecke bringen muss, wird immer wieder als Highlight des Films genannt, weil Hitchcock zeigt, wie schwierig es ist, einen Menschen zu ermorden, allerdings muss man sagen, dass diese Szene arg bemüht ist und von unfreiwilliger Komik strotzt. Dass Kieling am Ende in einem Gasherd stirbt, hinterlässt einen sehr bitteren Nachgeschmack und macht Newman auch nicht gerade sympathischer. Positiv muss man anmerken, dass Hitchcock das Agentendasein als schmutzig, abstoßend und unglamourös zeigt (als Gegenentwurf zu den Abenteuern von 007), das hat er stets getan. Das Publikum aber möchte es gern anders sehen.

In der zweiten Hälfte nimmt TORN CURTAIN dann deutlich an Fahrt auf. Hitchcock nannte das "Running for Cover", das verzwickte Katz- und Mausspiel der ersten Hälfte macht Platz für eine einzige, immer wieder unterbrochene Verfolgungsjagd. Diese Passagen sind deutlich gelungener als die vorigen, werden allerdings von schlechten Rückpros (die ist man von Hitchcock schon gewohnt) und absurder Topografie torpediert.

Hitchcocks Hauskomponist Bernard Herrmann wurde gebeten, für den Film einen "leichten" Score zu komponieren, der sich auch als Schallplatte verkauft, am liebsten mit Titelsong. Herrmann ignorierte die Bitte und schuf einen gewohnt düsteren (und gewaltigen) Score, woraufhin er gefeuert wurde und die lange Freundschaft zwischen ihm und Hitchcock abrupt endete. An seiner Stelle komponierte John Addison einen erstklassigen, temporeichen Score, ironischerweise ebenfalls ohne Song und auch nicht gerade leicht.

Insgesamt schafft TORN CURTAIN es über weiter Strecken, zu unterhalten, doch die Schwächen und Fehler des Films sind so unübersehbar, dass Hitchcock es dem Zuschauer wahrlich nicht leicht macht, ihn zu mögen. Man kann ihn in Grund und Boden verreißen (wie Ulrich von Berg in Beiers/Seeßlens Buch "Alfred Hitchcock" es wunderbar vorführt), in gnädiger Stimmung kann man auch eineinhalb Augen zudrücken.

Die wirklich entscheidende Frage lautet eher - ist TORN CURTAIN schlechter oder besser als der nachfolgende TOPAZ (1969)?

07/10

Kommentare:

  1. Echt, Lieblingsfilm? Das finde ich erstaunlich, aber es gefällt mir, wenn Filme polarisieren, insofern danke für eine weitere interessante Perspektive.

    Den Song kenne ich übrigens, aber er ist nunmal nicht im Film, insofern ist es schon tragisch, dass der gute Herrmann ausgebootet wurde, nicht? Dessen ungenutzten, aber auf CD veröffentlichten Score finde ich auch sehr klasse, er wurde ja teilweise von Scorsese in "Cape Fear" verwendet.

    Ich stimme auch zu, dass Hitchcocks Konzept nicht greift, ich hätte viel lieber gleich gewusst, auf welcher Mission Newman unterwegs ist, um mit ihm zu fühlen. Ich finde Julie Andrews' Rolle im Grunde unnötig. Apropos - es tut mir wirklich leid, weil ich Andrews so mag, aber gerade im ersten Drittel trällert sie ständig, jedenfalls für meine Ohren... :-)

    Gruß von Mathias

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  2. Ach, und noch zu Von Berg - theoretisch gebe ich Dir recht, aber es war für mich eine Wohltat, besonders neben dem drögen Seeßlen auch einen respektlosen Text zu finden, er wurde ja auch bewusst gewählt, insofern geht das für mich in Ordnung.

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  3. Oh je, vielleicht sind "Torn Curtain", "Topaz" oder "Jamaica Inn" wirklich "Bottom of Hitch" - aber ich mag alle drei Filme und ich würde alle drei noch mit gut bewerten...

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  4. Mathias + Ray,

    noch ein Nachtrag :

    habe vorgestern den lendenlahmen Agentenfilm DER PREIS (1963) im TV gesehen, der schon öfters als Mitternachtsfüllsel gesendet wurde.

    Der blondgelockte amerkanische Schriftsteller Paul Newman will hier die Entführung eines Wissenschaftlers (Edward G. Robinson) während einer Nobelpreisverleihung durch Ostagenten verhindern. Dabei assistiert ihm dessen Tochter (Elke Sommer). Newman agiert ob des schwachen Drehbuchs ziemlich desinteressiert, Sommer bemüht sich lediglich, ihren hochtoupierten wasserstoffblonden Haarturm in Balance zu halten, statt eine schauspielerische Leistung abzuliefern und Edward G. Robinson schleppt sich ächzend durch seine erniedrigende Rolle als kranker Wissenschaftler.

    Will sagen, im Vergleich zu DER PREIS ist TORN CURTAIN noch Gold !! Es geht halt immer noch ein bisserl schlechter.

    Gruss Ralf

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  5. Lieber Ralf,
    da stimme ich 100%ig zu. Schrecklicher Film, der verzweifelt "Der unsichtbare Dritte" sein möchte, trotz der tollen Besetzung. Diane Baker mochte ich ganz gern.
    Und na klar geht es schlechter als "Torn Curtain", da sind wir uns doch sowieso einig!

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