Montag, 24. Mai 2010

Der große Frust (1983)

Nach dem Selbstmord eines ehemaligen Studenten treffen sich einige seiner engsten Freunde und Kommilitonen zu seiner Beerdigung und verbringen ein gemeinsames Wochenende. Es wird gekifft, geredet, gelacht, getanzt, man erkennt, dass sich die Wertevorstellungen geändert haben, und es bilden sich neue Paare...

Regisseur Lawrence Kasdan hatte es trotz des Sensationserfolgs von "Body Heat" schwer, seinen Stoff DER GROSSE FRUST (The Big Chill) an ein Hollywood-Studio zu verkaufen. Schließlich ließ man ihn bei der Columbia gewähren. Kasdan stellte ein großartiges Ensemble auf die Beine, und dieser kleine, dialoglastige Film, in dem auf der reinen Handlungsebene nichts passiert (im Kino der frühen 80er undenkbar), wurde ein Riesenerfolg und gilt heute als einer der wichtigsten Filme der 80er und Bestandsaufnahme einer Generation.

Man muss sich kurz die Besetzung auf der Zunge zergehen lassen: Glenn Close, William Hurt, Kevin Kline, Tom Berenger, Jobeth Williams, Jeff Goldblum und Meg Tilly. So eine Besetzung garantiert nicht unbedingt einen guten Film, in diesem Fall aber mehr als das. Keiner der Darsteller - viele von ihnen befanden sich noch am Anfang ihrer Karriere - versucht dabei einen Alleingang, alle bilden ein absolut homogenes Ensemble, aus dem heraus jeder seinen großen Moment bekommt.
William Hurt spielt dabei den interessantesten Part (nicht nur, weil er gleich zu Filmbeginn zu spät zur Beerdigung erscheint und schon dadurch eine Sonderstellung einnimmt), den störrischen "Loser", der sich nicht anpassen will und die Masken der anderen durchschaut. Meg Tilly hingegen hat als hinterbliebene Geliebte des Toten nur wenig Dialog, hinterlässt aber aufgrund ihrer wie immer ätherischen Erscheinung einen bleibenden Eindruck.

Kasdan erzählt im GROSSEN FRUST von Menschen, die ihren Platz im Leben gefunden haben, noch suchen oder diesen schon wieder verlassen wollen. Manche sind in den 60ern stehen geblieben, andere sind zu angepasst, wieder andere wissen gar nicht, wohin und lassen sich treiben. Warum sich ihr Freund umgebracht hat, weiß niemand, das spielt auch keine Rolle. Kasdan unterläuft alle Erwartungen. Es brechen weder alte Konflikte auf, noch folgen große Auseinandersetzungen. Alles findet nur im kleinen statt, die meiste Zeit verstehen sich die Figuren gut und vermitteln das Gefühl einer Gruppe, die auseinandergerissen wurde und glücklich ist, wieder beieinander zu sein ("Wir bleiben für immer", ist der letzte Filmdialog).

Die Charaktere werden sensibel und zurückhaltend gezeichnet, man muss genau hinschauen und zuhören, um Unterschiede zu erkennen (man stelle sich den gleichen Film heute vor - allein in der Kirche zu Beginn müsste mindestens ein Handy klingeln, und eine Frau müsste in High Heels durch Matsch waten, um ihren beruflichen Aufstieg zu kennzeichnen).

"Zurückhaltung" ist überhaupt das Zauberwort für den GROSSEN FRUST. Fast wirkt er wie ein Bergman-Drama, außer dass er dafür zu (bewusst) komisch geraten ist. Der Humor bleibt durchweg feinsinnig und sarkastisch, er macht den besonderen Reiz des Films aus. Auch in den schwersten Stunden verlieren die Figuren nicht ihren Witz. Man wird an eigene vergangene Tage erinnert, an Schulfreundschaften und abgebrochene Beziehungen. Am Ende tauschen alle ihre Adressen und Nummern aus, aber man weiß schon, dass sie es wieder nicht schaffen werden, Kontakt zu halten. So ist das Leben.

DER GROSSE FRUST ist so vieles in einem, großes Schauspielerkino, Kammerspiel, Gesellschaftsporträt, Zeitdokument, und daneben einfach wunderbar unterhaltsam.

Auf der deutschen DVD befindet sich ein ausführliches Making Of (60 Minuten), in welchem man von den Beteiligten alles über die Entstehung erfährt.

08/10

Kommentare:

  1. eine super Rezension zu einem tollen Film! zu ergänzen wäre vielleicht nur, dass - natürlich - das Spiel der großartigen Schauspieler in ihrer eigenen Sprache noch zehnmal besser rüberkommt als in der Synchronisation. Aber das kann man sich ja auch denken...

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  2. Oh ja, das hätte ich dazu sagen müssen, unbedingt den O-Ton hören, die Sprecher passen teilweise überhaupt nicht! Schmatz!

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