Montag, 17. Mai 2010

Der Fall Paradin (1947)

Alfred Hitchcock zeigte sich unglücklich mit seinem Gerichtsdrama DER FALL PARADIN (The Paradine Case). Produzent David O. Selznick saß ihm ständig im Nacken, Kosten und Drehzeit schossen in die Höhe, er musste wieder einmal Besetzungen hinnehmen, die er nicht wollte (statt Gregory Peck hätte er gern Laurence Olivier gesehen - ich auch!), herausgekommen ist ein äußerst dialoglastiges Mörder- und Beziehungsgeflecht mit zu vielen Figuren, aber auch sehr vielen Ideen. Die Bewertung ist schwierig und hängt davon ab, wie sehr man sich mit den Charakteren anfreunden mag. Der typisch Hitchcocksche Suspense findet hier jedenfalls nicht statt.

Worum geht es? Die reiche Mrs. Paradin (Alida Valli) wird wegen Mordes an ihrem blinden Ehemann verhaftet und angeklagt. Der Staranwalt Keane (Peck) wird mit ihrer Verteidigung beauftragt und verliebt sich in die schöne Klientin. Diese jedoch interessiert sich nur für ihren Stallburschen (Louis Jourdan), weist Keane empört ab und sorgt durch ein überraschendes Geständnis für Keanes öffentliche Demütigung...

Hitchcock ließ für seinen Film den Gerichtssaal des Londoner "Old Bailey" beeindruckend nachbauen, in welchem sich der Hauptteil der Handlung abspielt. Dialoglastigkeit in einem Gerichtsdrama ist nun weißgott keine Seltenheit, doch tendieren die Charaktere dazu, auch außerhalb des Gerichts zu lange Monologe zu halten und in Unterhaltungen alles dreimal zu sagen. So entsteht ein geschwätziger Gesamteindruck, der die wirklichen Qualitäten des Films mindert. Das beste Beispiel ist Pecks Schluss-Monolog vor Gericht, bei dem er seine Verfehlung eingesteht. Prinzipiell ist dagegen wenig zu sagen, doch wäre der Moment so viel stärker, wenn Peck einfach nur schweigen würde. Auch Ann Todd muss in der letzten Einstellung ihren Mann wieder bei sich aufnehmen, doch anstatt Größe zu zeigen und ihn stumm in den Arm zu nehmen oder sonst etwas zu tun, hält sie eine lange Rede, baut sein Selbstvertrauen wieder auf und spricht ihm Mut für die Zukunft zu. Überflüssig, wir haben es schon verstanden.

Die Kritik Hitchcocks an den Schauspielern ist im Nachhinein nur teilweise nachvollziehbar. Gregory Peck ist vieles, aber kein britischer Strafverteidiger, da helfen auch graue Schläfen nicht. Aber man glaubt ihm die Zuneigung zu seiner Klientin und die Scham, die er gegenüber seiner Ehefrau Ann Todd empfindet. Was die Frauenfiguren betrifft, haben wir es mit Archetypen zu tun - die etwas brave Ehefrau, die für alles Verständnis hat (Todd), und die meuchelnde Upperclass-Dame im Pelz (Valli). Als Zugabe gibt es noch die burschikose und mit eher männlichen Attributen ausgestattete, asexuelle Kumpel-Frau (Joan Tetzel), die man öfter in Hitchcocks Filmen findet (meist wird sie von seiner Tochter Patricia gespielt). Heilige oder Hure, blond oder brünett, die klassischen Gegensätze. Die devote Rolle, die Ann Todd einnehmen und ihrem Ehemann alles verzeihen muss (nicht nur hat er sie belogen, er hätte absichtlich einen Unschuldigen an den Galgen geschickt), spielt sie makellos, man wünscht ihr aber einen anderen Ausgang.
Bei Alida Valli interessiert sich Hitchcock insbesondere dafür, wie sie als Frau aus der Oberklasse durch Inhaftierung gedemütigt wird, um sie dann später durch das "Lady Chatterley"-Syndrom noch weiter zu beschädigen. Louis Jourdan als Stallbursche ist dabei die größte Fehlbesetzung, während Valli und Todd durchaus faszinierende Leistungen zeigen. Jourdan bleibt (wie so oft) hölzern und steif, sieht blendend aus, aber nicht wie jemand, der auch nur einen Tag seines Lebens mit den Händen gearbeitet hat.

In der Inszenierung verzichtet Hitchcock auf optische Mätzchen und konzentriert sich auf den Dialog. Lediglich die Sequenz, in der Peck das Landhaus des Verstorbenen besucht und Vallis Porträt entdeckt (Spuren von "Rebecca" und auch von Premingers "Laura"), lebt von stummem Spiel und wird von Komponist Franz Waxman effektiv untermalt. Francois Truffaut gegenüber gab Hitchcock zu, dass er den Ablauf des Mordes nie verstanden hat, und so bleibt die große dramatische Enthüllung auch etwas konfus, weil man als Zuschauer ebenfalls das Kreuzverhör durch Staatsanwalt (und Hitchcock-Veteran) Leo G. Carroll kaum nachvollziehen kann. Da sich aber das juristische längst dem menschlichen Drama untergeordnet hat (glaubt irgend jemand, Valli wäre nicht schuldig?), ist das nicht so schlimm.

Letztlich wäre mein Haupt-Kritikpunkt, dass Hitchcock nicht das dramatische Potential der Geschichte ausgeschöpft hat. Es fehlt auch der Humor, der hier nur in zynischer Form vorhanden ist, wenn Richter Charles Laughton (unvergleichlich brillant) seine Walnüsse knackt und gegenüber seiner Frau (Ethel Barrymore) die Hinrichtung von Valli verkündet. Laughton ist das mit Abstand beste Element im Film. Wenn er zu einer Abendgesellschaft erscheint, die nackte Schulter von Ann Todd erspäht, sich zu ihr setzt und unverfroren ihre Hand nicht mehr loslässt, hält man schon den Atem an bei so viel Lüsternheit. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Wenn ein zugegebenermaßen hinkender Vergleich gestattet ist - ich persönlich ziehe Billy Wilders "Zeugin der Anklage" jederzeit aufgrund seines geschliffenen Witzes und der raffinierten Handlung Hitchcocks Gerichtsdrama vor, in dem es zwar um deutlich mehr geht ("Zeugin der Anklage" will kein Beziehungsdrama sein), das aber einfach nicht so gut unterhält.

Die Meinungen über PARADIN gehen sehr auseinander. Für mich rangiert er auf den mittleren Plätzen in Hitchcocks Schaffen, was angesichts der vielen Meisterwerke nichts über mangelnde Qualität aussagt.

08/10

Kommentare:

  1. Die "Zeugin der Anklage" ist ja schon der unbestrittene König unter den Gerichtsfilmen oder nicht ?
    Da kann der Fall Paradin nicht mithalten. Aber auch hier vergebe ich Hitch ein "sehr gut"...

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  2. Ich bin da unschlüssig, irgendwie langweilt mich der "Paradin" schon zwischendurch, und ich habe das Gefühl, dass alles schon mal woanders besser zu sehen war, aber als Schauspielerfilm finde ich ihn auch hervorragend. Er reißt mich eben emotional nicht mit. Die "Zeugin der Anklage" ist und bleibt unübertroffen, so ein toller Film! Liebe Grüße!

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