Montag, 17. Mai 2010

Casino Royale (2006)

Was wurde nicht alles geschrieben und sich beschwert über Daniel Craig, bevor auch nur ein belichteter Filmmeter zu sehen war. Allein die Tatsache, dass er blond ist, wurde schon von Bond-Fans zum Anlass genommen, ihn abzulehnen (nebenbei, Kinder, auch Roger Moore war nicht wirklich dunkelhaarig).
Als CASINO ROYLE dann endlich gestartet wurde, war schnell klar, dass Craig kein guter, sondern ein fantastischer Bond ist. Regisseur Martin Campbell hatte einst Pierce Brosnan in dessen Debüt "Goldeneye" in Szene gesetzt, hier ist es ihm erneut auf spektakuläre Weise gelungen, einen neuen Bond für eine neue Generation zu definieren.

Worum geht es? Der gemeingefährliche Börsenspekulant Le Chiffre (Mads Mikkelsen) muss bei einem Pokerspiel eine große Summe gewinnen, nachdem er Gelder seiner Kunden bei einem Terroranschlag verloren hat, den Bond verhindern konnte. Bond wird vom MI6 beauftragt, in die Poker-Runde einzusteigen, verliebt sich nebenbei in eine Mitarbeiterin des Schatzamtes (Eva Greene) und kündigt seinen Job, doch es ist nicht alles so, wie es aussieht...

Als Action-Thriller bietet CASINO ROYALE drei Action-Sequenzen im ersten und letzten Drittel, die als Klammer dienen. In der ersten verfolgt Bond einen Verdächtigen über eine afrikanische Großbaustelle, und allein diese Sequenz ist so unglaublich mitreißend inszeniert (mit gut eingesetzten CGI-Effekten, mit denen nach den schlechten Erfahrungen in "Die Another Day" sehr sparsam umgegangen wird), dass einem Hören und Sehen vergeht. Ich würde sie als beste Action-Sequenz der gesamten Bond-Reihe bezeichnen. Ebenso wie in früheren Beiträgen widersetzen sich Bond und sein Gegenspieler zwar allen Gesetzen der Schwerkraft, aber Regisseur Campbell legt gesteigerten Wert darauf, dass der Zuschauer jeden Schlag, Stoß und Aufprall mitfühlen kann. Craig muss als Bond sehr viel einstecken und sieht mehr als nur leicht ramponiert aus, wenn er einen Auftrag zu Ende bringt.
In der zweiten Action-Nummer muss Bond einen Terroranschlag vereiteln. Auch hier platzt der Film fast vor Spannung, während er gleichzeitig eine groß angelegte Materialschlacht absolviert.
Im venezianischen Finale kommt es zum Showdown zwischen Bond und den Schergen von Le Chiffres Terror-Organisation, in dessen Verlauf ein ganzer Palazzo im Wasser versinkt. Hier erfüllt der Film die Erwartungen an ein überdimensionales Bond-Finale, bleibt aber dennoch auf dem Teppich.

Der Mittelteil zwischen diesen grandiosen Set Pieces schildert Vorbereitung, Ablauf und Nachspiel der Poker-Runde im Casino von Montenegro. Diese Passagen setzen in erster Linie auf Suspense und werden nur durch kleine Action-Vignetten wie einen harten Fight im Treppenhaus oder eine Vergiftung Bonds unterbrochen, um die Action-Fans nicht gänzlich vor den Kopf zu stoßen. Gleichzeitig wird hier die Beziehung Bonds zu seiner Partnerin Vesper Lynd entwickelt, die so eng sein darf wie keine zuvor, von Diana Rigg in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" einmal abgesehen, die ohnehin eine ewige Sonderstellung besitzt.

Praktisch nichts in CASINO ROYALE ist, wie es einst war. Kein 'Q', keine 'Moneypenny', keine Lizenz zum Töten (die muss sich Bond erst verdienen), kein Martini, geschüttelt oder gerührt ("Sehe ich aus, als interessiert mich das?" fragt Bond), kein Bond-Logo vor der Pre-Title-Sequenz. Diese findet in aller Kürze und in Schwarzweiß statt, eine drastische Abkehr von den ausufernden Brosnan-Sequenzen. Das Titeldesgin zum Song von Chris Cornell ist dann gewohnt brillant, bevor es Schlag auf Schlag weitergeht.
Judi Dench spielt weiterhin Bonds Vorgesetzte 'M', sie war das einzig gute und beständige Element der Brosnan-Bonds und wurde glücklicherweise übernommen. Auf die müden doppeldeutigen Oneliner der Vorgänger-Filme wird erfreulicherweise verzichtet, stattdessen wurde mit Paul Haggis ein Autor hinzugezogen, der in der Lage ist, Dialoge zu schreiben. Und so ist das erste Zusammentreffen zwischen Bond und Vesper Lynd im Zug nach Montenegro ebenso prickelnd wie aufschlussreich geraten, auch wenn etwas Küchenpsychologie mitschwingt.

Mit Mads Mikkelsen kann CASINO ROYALE einen hervorragenden Widersacher vorweisen, der keine Weltbeherrschungs-Szenarien verfolgt oder alberne Killersatelliten losschickt. Er gehört als Finanz-Hai zum internationalen Terrorismus. Damit ist Bond sowohl in der Gegenwart wie auch in der Realität angekommen.
Eva Greene darf als Bonds Geliebte schön, intelligent und sensibel sein. Die Schauspielerin war bereits unter Bertoluccis Regie ("Die Träumer") wundervoll und ist es hier auch. Wenn sie sich für das Pokerspiel zurechtmacht, sehen wir sie komplett ungeschminkt und natürlich, ein einmaliger, hinreißender Moment in einem Bond-Film. Wenn sie nach dem Treppenhaus-Fight unter Schock in der Dusche sitzt und Bond sich dazu setzt, erreicht CASINO ROYALE einen emotionalen Höhepunkt, der ohne viel Worte auskommt. Nie zuvor durfte Bond so menschlich und mitfühlend agieren, während er gleichzeitig nie so hart und brutal sein musste.

Daniel Craig lässt alle Vergleiche zu seinen Vorgängern locker hinter sich. Er ist weder Gentleman noch Comic-Figur und schon gar keine Rasierwasser-Reklame (wie Brosnan). Er ist ein Edel-Prolet, desillusioniert, aber kämpferisch, aufmüpfig, aber loyal, ruppig, aber irgendwie liebenswert. Interessanterweise hat auch Timothy Dalton seinen Bond ähnlich angelegt (minus den Proleten) , aber zu seiner Zeit wollte das Publikum keinen ruppigen Bond sehen, und die Filme waren noch nicht dafür maßgeschneidert.
In einer Nebenrolle überzeut der immer sehenswerte Giancarlo Giannini als Bonds Kollege Mathis, dem man nie über den Weg traut. Jeffrey Wright als neuer CIA-Kollege Felix Leiter bleibt dagegen blass.

Trotz aller berechtigter Lobhudeleien ist CASINO ROYALE kein perfekter Film. Er ist mit seinen zweieinhalb Stunden Laufzeit etwas zu lang geraten, und die Liebesgeschichte zwischen Bond und Lynd, anfangs noch so originell geführt, wird schließlich zu dick aufgetragen und verheddert sich in Melodram-Klischees. Da geht dann doch alles sehr schnell und heftig vonstatten (inkusive Bonds Kündigung, die nicht überzeugend vorbereitet ist) - das muss es auch, weil bereits der nächste Bond-Beitrag eben jene Liebesgeschichte und deren Ausgang zur Handlungsmotivation benötigt. Die (wenigen) Gegner von CASINO ROYALE lehnen ihn wegen des "weichgespülten" Bond ab. Wäre man in diesen letzten Passagen etwas subtiler vorgegangen, hätte man auch sie in der Tasche gehabt.

Am Ende dann sagt Bond endlich die unsterblichen Worte "Mein Name ist Bond, James Bond!" ("You Know My Name", wie es bei Chris Cornell heißt), und wir hören erstmals das berühmte Bond-Thema. Mit CASINO ROYALE ist den Produzenten und Martin Campbell ein Triumph gelungen, eine Abkehr vom klassischen Agenten-Abenteuer, eine Neuerfindung der Bond-Figur und einer der herausragendsten Action-Thriller der letzten zehn Jahre.

Wie schade nur, dass im direkten Nachfolger so viel falsch gemacht wurde...

10/10

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