Donnerstag, 20. Mai 2010

Blackout - Anatomie einer Leidenschaft (1980)

In dem Beziehungsdrama BAD TIMING (das den dämlichen deutschen Titel 'Blackout' erhielt) besetzte Regissseur Nicolas Roegs erstmals seine spätere Ehefrau Theresa Russell in der Hauptrolle, mit der er fortan noch viele weitere Werke inszenieren sollte. Das Drama um eine obsessive Leidenschaft mit brutalem Ausgang verschwand seinerzeit schnell aus den Kinos - wohl auch, weil es der Produktionsfirma unangenehm war (sie zog sogar das Logo vor dem Vorspann zurück). Erst vor einigen Jahren wurde BAD TIMING neu entdeckt.

Eine Liebesgeschichte wie jede andere?
Psychologe Alex (Art Garfunkel von "Simon & Garfunkel") und Milena (Russell) lernen sich auf einer Party kennen und beginnen eine Affäre. Es stellt sich heraus, dass Milena noch verheiratet ist, ihr Mann (Denholm Elliott) lebt in der Tschechoslowakei. Alex wird immer eifersüchtiger und besitzergreifender, verlangt die Scheidung, aber Milena braucht ihre Freiheit. Bald schon können sie nicht mehr mit- oder ohne einander leben, und eine Katastrophe bahnt sich an...

Der Film beginnt mit einem Krankenwagen, der durch Wien rast. Milena hat sich mit Tabletten das Leben zu nehmen versucht, im Krankenhaus bemühen sich die Ärzte, ihr Leben zu retten, während Alex vom Polizisten Netusil (Harvey Keitel) verhört wird. Etwas stimmt nicht an Alex' Aussage, der zeitliche Ablauf ergibt keinen Sinn. Dieser zeitliche Ablauf, der das "Bad Timing" des Originaltitels beschreibt, lässt Netusil keine Ruhe.

Nicolas Roeg, der für assoziative Schnitte und offenherzige Sex-Szenen bekannt ist, erzählt die Liebesgeschichte als zerstückelte Rückblende, während Milena in der Gegenwart auf dem OP-Tisch um ihr Leben kämpft und Netusil nach der Wahrheit sucht. Das "schlechte Timing" bezieht sich dabei nicht nur auf den Tathergang, sondern - wie Roeg später erklärte - bereits das erste Zusammentreffen des Paares auf der Party ist schicksalhaft getimt. Wären beide früher gegangen oder gekommen, wäre ihre Geschichte nicht existent, das ganze Drama hätte sich nicht abgespielt. Ein weiteres Beispiel ist ist der Heiratsantrag, den Alex genau im falschen Augenblick macht, oder beider sexuelle Lust, die stets zu unterschiedlichen Zeiten entflammt. Das Leben besteht aus nichts anderem als gutem oder schlechtem Timing.

Theresa Russell und Art Garfunkel spielen ihre Rollen mit äußerster Intensität, wobei Russell aufgrund ihres extrovertierten Filmcharakters (sie säuft, wirft Tabletten ein, zieht sich in der Öffentlichkeit aus und kreischt vom Balkon) deutlich mehr Raum zum Overacting erhält. Garfunkel, der auf den ersten Blick eine merkwürdige Besetzung zu sein scheint (schon wegen seiner verwirrenden Frisur), liefert eine erstklassige Leistung als mal geh-, mal enthemmter Psychologe, der an der Uni Vorträge über Voyeurismus hält (ebenso wie Roegs Kamera ist er ein Beobachter), während er selbst seiner Geliebten in manischer Eifersucht nachspioniert. Beide ergeben das klassisch gestörte Paar - sie ziehen sich an und stoßen sich ab, will der eine mehr, will der andere weniger, es folgt Gewalt, ein tragisches Ende ist unabwendbar.

BAD TIMING ist ein sehr sehenswerter Beitrag zum Thema "gestörte Beziehungen" und bietet sehr viel mehr Tiefe und Subtexte als ähnliche "Amour Fou"-Geschichten über gegenseitige Abhängigkeiten, aus der man sich nur mittels Gewalt befreien kann. Roegs Film hat ein paar Längen, und aufgrund der extremen Charaktere fällt es schwer, sich auch nur für einen der beiden Protagonisten wirklich zu erwärmen. Harvey Keitel zeigt in seiner erst kleinen, dann immer wichtiger werdenden Rolle eine ebenso sensationelle Leistung und ist noch die sympathischste Figur. Dementsprechend unterschiedlich wurde BAD TIMING auch aufgenommen. Viele lehnen ihn als zu zynisch und artifiziell ab, viele halten ihn für Roegs besten Film (dies wäre dann aber doch "Wenn die Gondeln Trauer tragen").

Am Ende löst Roeg das Geheimnis um den "Zeitfehler" auf, und was wir da zu sehen bekommen, kann zwar heute nicht mehr schockieren (damals wohl schon), bringt aber den von Garfunkel gespielten Alex und das Verhältnis der beiden auf den Punkt. Ein bitteres Kapitel geht zu Ende, als Zuschauer möchte man nach dem Film so wenig wie möglich mit Liebe oder Beziehungen zu tun haben. Von mir trotzdem eine Empfehung für dieses ungewöhnliche Drama, das noch lange nachwirkt.
In Deutschland ist BAD TIMING kurioserweise ab 18 freigegeben. Da sind wir heutzutage aber deutlich Schlimmeres gewohnt. Neben einem sehr drastischen Luftröhrenschnitt auf dem OP-Tisch (allerdings sehr unappetitlich) könnte man sich höchstens an ein paar freizügigen erotischen Szenen stören, aber auch die sind nicht für Voyeure geeignet und dienen der Erzählung.

06/10

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