Sonntag, 30. Mai 2010

Berüchtigt (1946)

Was für ein Film!

BERÜCHIGT (Notorious) gehört zu den herausragenden Werken Alfred Hitchcocks, Francois Truffaut erklärte ihn gar zu seinem Lieblings-Schwarzweiß-Hitchcock, und man ist geneigt, ihm zuzustimmen. BERÜCHTIGT ist ein vielschichtiger Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert, und dessen Stärken nicht (nur) in großen Set Pieces, sondern in der ebenso intelligenten wie faszinierenden Figurenführung liegen.

Worum geht es? Ingrid Bergman wird als Tochter eines verurteilten Nazi-Spions vom amerikanischen Geheimdienst gezwungen, sich an Claude Rains, den mutmaßlichen Chef eines geheimen Rings geflohener Nazis in Rio, heranzumachen. Sie tut dies in erster Linie aus Liebe zum Agenten Cary Grant, der sich zwar ebenfalls in sie verliebt, aber ihren lockeren Lebensstil und ihre Vorliebe für Alkohol missbilligt. Als sie überraschend einen Heiratsantrag von Rains erhält, geht sie darauf ein, aber ihre Enttarnung steht kurz bevor...

Berühmt ist BERÜCHTIGT vor allem wegen der unvergesslichen Party-Sequenz im letzten Drittel, in der Bergman und Grant im Weinkeller von Rains' Haus eine Flasche mit Uran entdecken. Hier haben wir den klassischen Hitchcock-Suspense auf höchstem Niveau, der bis zum Ende nicht mehr abreißt. In den ersten beiden Dritteln erzählt Hitchcock seine Agentenstory aber zunächst als Liebesgeschichte. Durch sie erhält der Thriller seinen doppelten Boden und sorgt für die emotionale Spannung im letzten Akt.

Die wundervolle Ingrid Bergman wird von Hitchcock als leichtlebiges Partygirl eingeführt, die den Kummer über den verräterischen Vater im Alkohol ertränkt. Cary Grant bleibt für den Zuschauer zunächst unsichtbar und wird scheinbar nur von Bergman wahrgenommen. Nach einer halsbrecherischen Autofahrt sehen wir Grant dann erneut in einer verzerrten Perspektive, wenn er der verkaterten Bergman morgens einen Saft bringt und buchstäblich auf dem Kopf steht, während der ganze Raum verschwommen bleibt.

Cary Grant, der so oft den eleganten Leading Man spielte, bekommt hier durch Hitchcocks Inszenierung eine düstere, gefährliche Note (ebenso wie im früheren "Verdacht"). Er ist nicht der strahlende Held, sondern eine zwiespältige Figur. Seine Gefühle für Bergman sind echt, aber seine Ablehnung ihres Charakters nimmt im weiteren Verlauf fast schon paranoide Züge an (insbesondere im Schlussteil, wenn er Bergman, die von ihrem Ehemann langsam vergiftet wird, unterstellt, sie würde wieder an der Flasche hängen). Grants moralische Entrüstung über Bergmans Lebenswandel wird dann auch schnell als heuchlerisch entlarvt, wenn er keine Minute zögert, Bergman zu opfern und sie Rains vor die Füße zu werfen (beinahe buchstäblich, wenn er ihrem Pferd während eines Ausritts einen Tritt versetzt). Auch später, wenn Bergman den Heiratsantrag bekommt, hält er sich mit einer Meinung zurück, obwohl Bergman nur auf seinen Protest wartet. Es ist nicht nur Bergmans Perspektive, die verzerrt ist - alle Figuren zeigen sich blind gegenüber der Wahrheit. Wie üblich macht Hitchcock kaum Unterschiede zwsichen den "guten" und den "bösen" Mächten. Die Methoden des US-Geheimdienstes mögen die besseren Ziele verfolgen, sind aber nicht weniger schmutzig und menschenverachtend.

Geradezu genial wird "Bösewicht" Claude Rains geführt. Er ist als Chef des Nazi-Rings verachtenswert, aber Hitchcock gibt ihm nicht nur eine über-dominante, grausame Mutter an die Hand, er zeigt dessen Liebe zu Bergman als absolut aufrichtig. Rains spielt diesen jämmerlichen Schwächling, der auch noch etwas zu klein geraten ist und neben der Bergman wie ein Männlein wirkt, so unglaublich authentisch (und dabei nie effekthascherisch), dass er vielleicht als bester aller Hitchcock-Schurken bezeichnet werden kann.
Wenn Grant am Ende die vergiftete Bergman aus Rains' Haus rettet und diesem den Zugang zum Wagen verwehrt, während im Hintergrund die Nazi-Verbrecher warten, tut er das nicht nur, um Rains seiner gerechten Strafe zuzuführen, sondern es ist auch der Racheakt eines eifersüchtigen Liebhabers. Dieses Ende hinterlässt beim Zuschauer einen gewollt bitteren Nachgeschmack, weil man Rains das drohende Ende durch die Kollegen weder gönnt noch wünscht - zu sehr hat man Mitleid mit ihm. In diesem Punkt unterläuft Hitchcock alle Erwartungen und inszeniert geradezu subversiv.

Während BERÜCHTIGT an der Oberfläche von Bergmans Wandlung vom Partyluder zur verantwortungsbewussten Frau erzählt, verändert sich auch Cary Grants Figur vom misstrauischen Frauenfeind zum bekennenden Liebenden fast unmerklich im Hintergrund. Das alles gelingt Hitchcock und seinem Autor Ben Hecht völlig ohne Klischees, Melodramatik, mit intelligenten Dialogen und einem differenzierten Gut/Böse-Schema. Niemals ist BERÜCHTIGT vorhersehbar, nur gelegentlich richtet Hitchcock das Interesse auf sich und die Kamera - wenn er während der verhängnisvollen Party von einer Totalen direkt auf die Hand von Bergman zufährt, in welcher sich der Schlüssel zum Weinkeller befindet, oder wenn er Grant und Bergman sich in der großen Liebesszene über zwei Minuten lang küssen lässt.

1950 kam BERÜCHTIGT mit einer sinnentstellenden Synchronisation in die deutschen Kinos, in welcher aus Nazis Drogendealer und aus dem Uran Heroin gemacht wurde. Diese absurde Synchronfassung findet sich immer noch auf einigen deutschen DVDs (wie der SZ-Cinemathek). Die korrekte Neusynchronisation lässt dagegen leider die Atmosphäre vermissen. So oder so sollte man dieses filmische Juwel im O-Ton genießen.

10/10

Kommentare:

  1. Jawoll. Ich brauchte ein bisschen, um ihn richtig würdigen zu können, aber jetzt gehört er zu meinen Lieblings-Hitchcocks.

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  2. was ne schöne Rezension! und sieht die Bergmann nicht toll aus?! Warum säuft sie eigentlich dauernd bei Hitchcock?? - Wie die Deutschen mit dem Film umgegangen sind und dass diese nazifreundliche Synchro noch immer im Umlauf ist - und nicht etwa die DDR-Fassung, die ja vielleicht auch noch in irgendeinem verstaubten Regal liegt -, das ist auch wieder eine Lektion in Zeitgeschichte.

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  3. Stimmt, in "Sklavin des Herzens" säuft sie auch, aber in "Spellbound" ist sie doch sehr aufgeräumt und analytisch. Grace Kelly hat bei Hitchcock nie gesoffen... von der DDR-Fassung weiß ich leider gar nichts.

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  4. Auch für mich einer der besten Hichtcocks und wie Karsten schon sagte ... Die Bergman sieht toll aus! ;-)

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  5. Ach, der Film gehört für mich auch in die Top Five von Hitch (wann gibt es von Dir eine Würdigung zu North by Northwest mit meinem anderen Lieblingsbösewicht, James Mason?). Auch Reinhold Schünzel gibt eine herausragende Leistung. LG, Christine

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  6. Liebe Christine, aber die gibt es doch schon lange, schau mal hier:

    http://deepreds-kino.blogspot.com/2010/02/der-unsichtbare-dritte-1959.html

    LG, Mathias

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  7. Also in meine TOP 5 Hitchcocks kommt der Film nicht, ich war sogar ein wenig enttäuscht. Zu viel Geschnäbel und Geschmuse, zu wenig Spannung, die Szenen zu lang gezogen. Es hat mich leider nicht so mitgerissen. Vorhersehbar fand ich ihn an einigen Punkten auch. Aber es gibt ja keine schlechten Hitchcocks - schon gar nicht mit Ingrid Bergman. :D

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