Dienstag, 13. April 2010

Zurück bleibt die Angst (1981)

John Irvins Verfilmung des wirklich schaurigen Romans "Ghost Story" von Peter Straub hat viel Positives vorzuweisen und kann mit einer stimmungsvollen Atmosphäre punkten, durch eine gewisse Behäbigkeit und eine unglückliche Strukturierung kann sie nicht gänzlich überzeugen.

Straubs ausufernde Geistergeschichte überhaupt in eine griffige Filmerzählung zu adaptieren, war sicher die größte Herausforderung. Die Hollywood-Veteranen Douglas Fairbanks jr., Fred Astaire, Melvyn Douglas und John Houseman spielen die Mitglieder eines Clubs in einem verschlafenen New England-Nest, die sich beim Kaminfeuer Gruselgeschichten erzählen. Sie alle werden von einer geisterhaften Gestalt heimgesucht, die sich für ein lange zurückliegendes Unheil rächen will...

Auch die kurze Inhaltsangabe kann die dramatischen Ereignisse, die sich auf drei Zeitebenen abspielen, nur verknappt wiedergeben. Die Handlung spielt sowohl in der Gegenwart, der kürzlichen Vergangenheit (der Sohn eines Club-Mitglieds, gespielt von Craig Wasson, hatte ebenfalls eine Begegnung mit dem Geist, die in einer längeren Rückblende erzählt wird), sowie in den 30er Jahren (die Jugendsünde der alten Herrschaften). Dieser letzte Teil beginnt so spät im Film, dass man als Zuschauern jedes Zeitgefühl verliert.
Möglicherweise hätte man diese drei Ebenen als konstante Parallelmontage erzählen können, welche aber die Zuschauer sicher überfordert hätte. So hat man alle 45 Minuten das Gefühl, es beginne ein neuer Film, was eine durchgehende Spannung leider verhindert. Beim ersten Sehen geht das noch in Ordnung, weil man nicht weiß, worauf der Film hinaus will. Beim wiederholten Sehen wirken viele der 30er-Sequenzen langatmig, weil sieviel zu weit ausholen.

Ein weiteres Problem besteht in der Tatsache, dass mehrere Nebenfiguren aus dem Roman übernommen wurden, die für den Film nicht von wesentlicher Bedutung sind und man aus dem Wust an Charakteren keine Haupt- oder Identifikationsfigur mehr herausfiltern kann. Im besten Sinne kann man GHOST STORY noch als Ensemblefilm bezeichnen. Er wechselt ständig die Perspektiven, und das nicht etwa raffiniert, sondern eher aus einer Ungeschicklichkeit heraus.

Nun aber zum Positiven.

Die Besetzung ist tatsächlich erlesen, allein das Wiedersehen mit den alten Leinwandidolen entschädigt für so manche Schwäche. Craig Wasson ("Body Double") ist ebenfalls sehenswert in einer Doppelrolle (er spielt Zwillinge, von denen einer bereits in der ersten Sequenz brutal dahinscheidet).
Im Zentrum aber steht die Geistergestalt, die von Alice Krige mit ihrer ungewöhnlichen Schönheit absolut faszinierend verkörpert wird. Leider fehlt dem Medium Film die Fähigkeit, etwas Unsichtbares glaubhaft zu machen. So ist im Roman die Geisterpräsenz sehr viel mehr als "nur" ein Monster, das die Anwesenden zu Tode erschreckt, es geht tief unter die Haut und bleibt unfassbar. Im Film wird das schleichende Grauen durch die fantastischen Horror-Masken von Dick Smith sehr greifbar und dadurch weniger erschreckend.

Sehr gelungen sind die Sequenzen, die in einem leerstehenden alten Haus spielen, das mehrere Schrecken beherbergt. Auch das Finale fährt reichlich Suspense auf, wenn Wasson hilflos und bewegungsunfähig dem Geist gegenübersteht und gleichzeitig Fred Astaire am anderen Ende der Stadt versucht, den Fluch endgültig zu bannen, bevor Wasson ins Jenseits befördert wird.

John Irvin bemüht sich um eine unheimliche Atmosphäre. Es schneit unentwegt, Kälte und Nässe sind konstant spürbar, auch das Kleinstadt-Setting wird gut eingefangen. Die sommerlichen Rückblenden zerstören allerdings die sorgsam aufgebaute Stimmung, zumal gerade die 30er-Periode fast als eingenständiges Kostümdrama durchgeht, das wenig Horror bietet und eher einem James Ivory-Film gleicht (und damit so ziemlich jeden Horror-Fan verschreckt). Erwähnenswert sind noch die wundervolle Musik von Phillipe Sarde und ein sehr schön gestalteter Vorspann.

Insgesamt handelt es sich bei GHOST STORY um einen sehenswerten Beitrag des Genres, der sich um eine originelle Geschichte bemüht und auf klassische Weise zum Gruseln animiert. Er bietet dazu anspruchsvolle Subexte (etwa, wie sich Schuldgefühle auf kommende Generationen übertragen und zu gestörten Eltern/Kind-Bindungen führen). Das Publikum interessierte sich 1981 allerdings nicht für diesen qualitativ hochwertigen Film und wollte lieber irre Schlitzer sehen, die mit Fleischermesser Jagd auf Teenager machen.

Der Roman von Peter Straub ist in Deutschland unter dem Titel "Geisterstunde" erschienen und extrem lesenswert.

07/10

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