Dienstag, 20. April 2010

Zeuge einer Verschwörung (1974)

So kann US-Mainstream-Kino aussehen!

Oder besser gesagt, so konnte mal US-Mainstream-Kino aussehen, im New Hollywood der 70er. Regisseur Alan J. Pakula war Spezialist für Polit-Thriller (DIE UNBESTECHLICHEN ist wohl sein bekanntestes Werk), und der hierzulande völlig unbekannte ZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG - THE PARALLAX VIEW ist vielleicht sein bester Film.

Die Story: Reporter Joe Frady (Warren Beatty) kommt einer Firma auf die Spur, die mit Hilfe psychologischer Tests potentielle Attentäter rekrutiert. Einer dieser Attentäter hat bereits einen Mord begangen, und die Firma ist dabei, sämtliche Zeugen der Tat zu beseitigen. Frady schleust sich in die Firma ein, aber seine Tarnung fliegt bald auf...

Regisseur Pakula zeigt in PARALLAX VIEW erneut seine extrem düstere Sicht auf Politik und Wirtschaft (und deren Verstrickungen) und schafft von Beginn an ein Gefühl der konstanten Bedrohung. Anders als in den UNBESTECHLICHEN, wo er einen wahren Fall politischer Intrigen authentisch aufarbeitet, schildert PARALLAX VIEW eine schwarze Utopie, die aber nicht weniger realistisch wirkt. Damit bewegt er sich auf dem gleichen Gebiet wie John Frankenheimer mit seinem BOTSCHAFTER DER ANGST. Beide Filme werfen unangenehme Fragen auf und spielen eine "Was wäre wenn...?" - Situation durch, die möglicherweise gar keine Utopie ist.

In der vielleicht aufregendsten Sequenz versucht Beatty an Bord eines Passagierflugzeugs die Besatzung darauf hinzuweisen, dass sich eine Bombe an Bord befindet, ohne auf sich selbst aufmerksam zu machen. Dies ist nur eine von vielen langen, stummen Sequenzen, in denen Pakula kontinuierlich an der Spannungsschraube dreht.

Die Dialoge sind dabei äußerst naturalistisch (ich empfehle hier dringend den O-Ton), das Spiel der Darsteller ebenso. Warren Beatty liefert eine Glanzleistung ab als heruntergekommener Joseph Frady. In Nebenrollen tummeln sich hervorragende Schauspieler wie Hume Cronyn, Kenneth Mars, William Daniels und Paula Prentiss (deren früher Filmtod ein echter Schock ist und von Pakula eiskalt lediglich über den Schnitt erzählt wird). Kameramann Gordon Willis nutzt das breite Cinemascope-Format für beunruhigende Effekte und ein durchgängiges Spiel mit Licht und Schatten. Viele Wendungen und Vorgänge werden rein über das Bild erzählt und nicht über Dialog erklärt. Alan J. Pakula wendet sich an ein intelligentes Publikum, das in der Lage ist, der Geschichte zu folgen, ohne dass einer der Charaktere sie erläutert. Im Finale ist er gar so ambivalent, dass der Schluss mehrere Interpretationen erlaubt.

PARALLAX VIEW gehört damit zu den besten Polit- und Paranoia-Thrillern, in eine Reihe mit Filmen wie Costa-Gavras' Z, VERMISST und Coppolas THE CONVERSATION.

9,5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...