Dienstag, 20. April 2010

Reise der Verdammten (1978)

Stuart Rosenbergs REISE DER VERDAMMTEN (Voyage of the Damned) ist ein großes Stück Geschichtsunterricht, umgesetzt als packendes Melodram mit grandioser Starbesetzung und epischem Atem. Oder anders ausgedrückt, "Urteil von Nürnberg" trifft "Das Narrenschiff".

Der Film erzählt die (authentische) Geschichte von beinahe zweitausend jüdischen Flüchtlingen, die 1939 von den Nazis nach Kuba an Bord der St. Louis verschifft werden. Wäherend die Passagiere glauben, eine neue Heimat zu finden, wollen die Nazis der Welt demonstrieren, dass die Juden überall unwillkommen sind, denn sie wissen, dass die Flüchtlinge niemals von Bord gelassen werden. Es beginnt eine grauenvolle Odyssee...

"Reise der Verdammten" beeindruckt in erster Linie durch die unglaubliche Star-Power. Neben den Hauptakteuren Faye Dunaway (etwas unpassend glamourös) und Oskar Werner (wie immer brillant und intensiv ehrlich) spielen u.a. Malcolm McDowell (ungewohnt sympathisch als liebenswerteste Figur an Bord), Orson Welles, Lee Grant (die im Laufe des Films den Verstand verliert und den gesamten Film an sich reißt), Katharine Ross und Maria Schell. Diese Art Starbesetzung war in den späten 70ern Mode und wurde vielfach im Katastrophenkino verwendet. So besitzt auch REISE DER VERDAMMMTEN Ähnlichkeiten mit den Vertretern dieses Genres, obwohl es hier um sehr viel mehr als sinkende Ozeanriesen oder brennende Hochhäuser geht. Selbst das Plakatmotiv erinnert an Star-Vehikel à la "Mord im Orientexpress". Man muss es dem Film hoch anrechnen, dass er seinen politischen Hintergrund nicht für reine Soap-Geschichten missbraucht, sondern diesen ins Zentrum der Handlung rückt, die Schicksale aller Beteiligten sind untrennbar mit ihm verbunden.

Stuart Rosenberg ist ein Drama von packender Emotionalität gelungen, das den Zuschauer leicht in Depressionen versetzen kann (man weiß von vornherein, dass das Ganze unschön endet), aber dennoch (oder gerade deswegen) ein lohnendes Stück Kino gegen das Vergessen ist. Ein Film, der wütend macht, traurig und hilflos, und der weitgehend auf Hollywood-Klischees verzichtet, wenn auch nicht ganz.

08/10

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,

    REISE DER VERDAMMTEN habe ich vor Jahrzehnten im TV gesehen ohne das er mich begeistert hätte. Sehr schwergängig und dialoglastig habe ich den Film in Erinnerung, dazu noch eine der Hauptrollen mit dem damals schon depressiv wirkenden Oskar Werner besetzt. Aber vielleicht tue ich dem Film in meiner Erinnerung ja unrecht.

    Ich möchte eigentlich auf einen ähnlich thematisierten Streifen hinweisen, nämlich Stanley Kramers SHIP OF FOOLS (DAS NARRENSCHIFF, 1965) den ich vor Jahren als US-DVD erworben habe. Der Film spielt 1932 auf einem deutschen Passagierschiff und die Diktatur der Nazis rückt schon verdächtig nahe. Verschiedene Nationalitäten reisen in die USA um dort eine neue Heimat zu finden.

    Erwähnswert halte ich diesen Film, weil dort Deutschland beliebtester Schauspieler seine einzige Visitenkarte in Hollywood abgibt, nämlich Heinz Rühmann, der dort seine relativ kleine Rolle auch in Englisch mit Bravour meistert. Da er einen Deutschen spielt stört sein Dialekt in keinster Weise. Obwohl dieser Film 'starbestückt' ist (u.a. Lee Marvin und Jose Ferrer) hat Rühmann m.E. die zwei saftigsten Dialogteile erwischt.

    Als deutscher Jude teilt er sich die Kabine mit einem nazifreundlichen Landsmann (Jose Ferrer). Es enfalten sich - sinngemäss - die folgenden 2 Dialoge :
    Ferrer (entrüstet) : "Sie müssen doch zugeben, dass die Juden Schuld an Deutschlands wirtschaftlichem und politischem Untergang sind !"
    Rühmann (verschmitzt) : "Ja, die Juden - und die Radfahrer"
    Ferrer (verwirrt) : "Ja, wieso denn die Radfahrer ?"
    Rühmann (konternd) : "Ja, wieso denn die Juden ?".
    A n d e r e S z e n e :
    Ferrer (drohend) : "Leute ihresgleichen müssen sich im Deutschland der Zukunft vorsehen. Die Nationalsozialisten werden rigoros vorgehen bei der Schaffung ihrer neuen Ordnung !"
    Rühmann (verschmitzt) : "Das sehe ich nicht so negativ wie Sie. Wir sind schliesslich rund 2 Millionen Juden in Deutschland. Die Nazis können uns ja nicht einfach alle umbringen ".

    Trotzt der guten Performance von Rühmann versagt der Film letztendlich, da Regisseur Kramer wie schon bei seinem vorherigen Streifen EINE TOTAL TOTAL VERRÜCKTE WELT (1964) alles Mass und Ziel beim Drehen verloren zu haben scheint. Die ca. 3-stündige Laufzeit versucht er verzweifelt mit möglichst jedem einzelnen Schicksal der rund 2000 Passagiere zu füllen. Wer als Zuschauer die volle Filmlänge durchsteht ist am Ende wahrlich 'geschafft'.

    Gruss nach Berlin

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  2. Hallo Ralf,
    "Das Narrenschiff" ist ein klasse Film (finde eigentlich nicht, dass er versagt) aber die "Verdammten" hat mir genau so gut gefallen. Ich habe aber auch eine Schwäche für Filme, in denen verschiedene Schicksale an einem festen Ort erzählt werden, ich mag peinlicherweise sogar die Schmonzette "Hotel International" mit Liz Taylor im Strickkleid und dem besoffenen Richard Burton.
    Was die Lauflängen angeht, stimme ich Dir zu, ich finde auch die "total verrückte Welt" komplett ermüdend. Wie findest Du "Urteil von Nürnberg"? Und kennst Du Kramers "Das letzte Ufer"? Zwei Filme, die ich sehr schätze, trotz der Länge.
    Gruß von Mathias

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  3. Hallo Mathias,

    mit dem Geschmack ist das immer so eine Sache, dass weist Du ja und wirst es heute noch in einem weiteren Kommentar von mir zu MICHAEL BAY'S TEXAS CHAINSAW MASSACRE zu lesen bekommen.

    Ich bleibe dabei. dass DAS NARRENSCHIFF sich zu lange mit den Klassenunterschieden und Wehleidigkeiten der später an Bord gekommenen Südamerikaner beschäftigt und das viele der anderen Charaktere (für das Jahr 1932) zu stereotyp dargestellt sind.

    DIE TOTAL VERRÜCKTE WELT wurde einige Jahre im Sylvesterprogramm der ARD gezeigt. Den Film habe ich eine zeitlang sehr gerne gesehen. Aber - wie schon häufiger beschrieben - hat sich mein Humor inzwischen ziemlich geändert.
    Heute kommen mir die meisten Szenen nur noch albern vor.

    An HOTEL INTERNATIONAL habe ich ähnlich verschwommene Erinnerung wie an REISE DER VERDAMMTEN, dafür aber bessere. Alleine schon Orson Welles ohne Vollbart, dafür aber mit Schnurri und Tiroler Hütchen sind eine Schau.
    Und das sich ständig heiratende, streitende und wieder scheidende Ehepaar Burton/Taylor war damals in der Yello Press natürlich absolut hip ! Deswegen auch von mir ein 'Daumen hoch !'

    DAS URTEIL VON NÜRNBERG hätte von der Thematik her ein ausgezeichneter Film werden können, aber hier stören mich vor allem die beiden Hauptdarsteller Spencer Tracy und Burt Lancaster gewaltig. Tracy muss einen schlurfenden alten Opa als Richter geben, der bei den Verhandlungen einzuschlafen droht und der - typisch für die 'Siegermächte' - nicht korrekt auf die vernünftigen Einwände des Verteidigers eingeht. Schlimmer noch Burt Lancaster, der sich als Hauptangeklagter im Film nicht entscheiden darf, ob er ein alter Nazi geblieben oder ein reuiger Sünder geworden ist. Seine Passivität und sein mürrisches Schweigen ärgern mich in diesem Film über alle Massen. Ich habe den Verdacht, dass Regisseur Kramer und sein Produzent sich wegen Lancasters grossen Namen in der Gilde bewusst nicht haben entscheiden wollen.

    Immerhin : Klassedarstellung von Maximilian Schell und Montgomery Clift. Beachtenswerte Leistung von Marlene Dietrich und Judy Garland. Dazu ein erstklassiger Soundtrack den ich auch in meiner Sammlung habe. Gesamturteil : stellenweise zu langatmig und zu unglaubwürdig.

    Es grüsst Ralf

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  4. Hallo Ralf,

    bei Lancaster stimme ich sofort zu, bei Tracy im Grunde auch, allerdings glaube ich, dass er als Identifikationsfigur für den Zuschauer gut funktioniert (hat er für mich zumindest immer).
    Marlene Dietrich wurde ja von der Kritik eher als operettenhaft empfunden, ich denke aber auch, dass sie eine starke Leistung zeigt, auch weil ihre Figur doch eine völlig andere Einstellung zu Hitler-Deutschland hat als die private Marlene, insofern eine interessante und auch gewagte Besetzung.

    Gruß von Mathias

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