Dienstag, 20. April 2010

Phantom im Paradies (1974)

Leider hat es PHANTOM IM PARADIES (Phantom of the Paradise) nie über den Geheimtipp-Status herausgebracht. Brian De Palma verknüpft in seinem schrillen Frühwerk verschiedene Genres, Stile und Vorbilder zu einem einzigartigen, knallbunten und satirischen Rock-Grusical, das bis heute umwerfend frisch geblieben ist. Zuschauer, die den Namen De Palma eher mit Hitchcock-Hommagen und Psycho-Thrillern ("Dressed to Kill") verbinden, dürften von diesem Werk des Jungen Wilden sehr überrascht sein, aber es lohnt sich!

Die Story: der erfolgreiche Musikproduzent Swan (Paul Williams, der auch die Musik zum "Phantom", darunter einige echte Perlen, beisteuerte) stiehlt dem genialen Komponisten Winslow Leach (De Palma-Veteran William Finley) dessen Rock-Kantate "Faust", woraufhin der verratene Künstler - durch einen Unfall mit einer Plattenpresse grässlich verunstaltet - Amok läuft und die Eröffnung von Swanns Nobeldisco "Paradise" sabotiert.

"Phantom of the Paradise" markiert in De Palmas Karriere einen Wendepunkt zwischen seinen anarchischen Independent-Filmen ("Greetings") und seinen kommerzielleren Hochglanz-Schockern ("Carrie"). Filmtechnisch gehört das "Phantom" zu De Palmas experimentierfreudigsten Werken. Split-Screen, Animation, atemberaubende Montagen, surreale Kulissen und Sets, praktisch alle von De Palmas späteren Markenzeichen werden hier unter höchstem Tempo dargeboten und münden in einem völlig außer Kontrolle geratenen Finale. Dazu parodiert er alles, was ihm unter die Finger kommt - die Kommerzialisierung der Musikindustrie, geklonte Pop-Formationen (erschreckend aktuell), die Klassiker "Faust", "Phantom der Oper" und "Dorian Gray", dazu gibt es Hommagen an Orson Welles' "Touch of Evil" (die Bombe im Kofferraum einer Beach Boys-Dekoration) und vieles mehr.

Dazu besticht das "Phantom" durch hervorragende Darsteller. Ganz besonders Jessica Harper (wenig später Heldin von Argentos "Suspiria" und Woody Allens "Stardust Memories", danach leider etwas in Vergessenheit geraten) stiehlt locker alle Szenen und kann mit zwei fabelhaften Musiknummern begeistern. In einer Nebenrolle spielt Gerrit Graham einen durchgeknallten Musiker, der in De Palmas witzigster "Psycho"-Hommage unter der Dusche vom Phantom bedroht wird - mit einem Toilettenentstopfer.

"Phantom of the Paradise" wird oft mit der zeitgleich entstandenen "Rocky Horror Picture Show" verglichen, was Sinn macht, wenn man die schiere Energie und Spielfreude sowie den Hang zum Absurden als Maßstab nimmt. Auf der erzählerischen Ebene unterscheiden sich aber beide Filme deutlich vonreinander (wobei man sagen muss, dass beide kein gesteigertes Interesse für die Handlung aufbringen).

Fazit: Für Fans des Regisseurs ein Muss! Für mich als bekennenden Fan gehört das "Phantom" zu De Palmas Top-5 Filmen, gerade weil er hier einen satirischen Anspruch und echte Originalität beweist. Der Film stammt aus einer Zeit, als Kino und Publikum offen waren für filmische Erlebnisse, die weit über die üblichen Sehgewohnheiten hinausgehen. Das "Phantom" ist reinstes 70er-Happening, ein Film ohne Sicherheitsgurt, verspielt, verrückt/verrockt und verdammt komisch.

09/10

Das Phantom der Rock-Oper

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