Dienstag, 20. April 2010

Martin (1977)

George Romero, bekannt durch seine "Zombie"-Trilogie, hat mit "Martin" ein kleines Wunder vollbracht. Der Film ist Horrorfilm, Teenager-Drama und Sozialstudie in einem, und diese Vielschichtigkeit gelingt ihm mühelos.

Die Story: der junge Martin, der zu seinem Onkel und dessen Familie nach Pittsburgh zieht, glaubt, ein Vampir zu sein. Er tötet seine Opfer, in denen er ihnen zunächst ein Schlafmittel spritzt und sie dann im bewusstlosen Zustand aussaugt und nebenbei den Beischlaf vollzieht. Das geht so lange gut, bis er sich verliebt, das falsche Opfer auswählt und sein Onkel (der ebenfalls von Martins Bösartigkeit überzeugt ist) sich in einen Vampirjäger verwandelt.

Martin ist ein für einen Horrorfilm ungewöhnlich komplexer Charakter. Bis zum Ende weiß der Zuschauer nie, was er von seinen vampirischen Umtrieben zu halten hat. Zwar ist er selbst als einsamer Außenseiter Opfer seines Irrglaubens und daher nicht unsympathisch, gleichzeitig sind seine Tötungsakte berechnend und grausam. Romero streut vereinzelt schwarz-weiße Rückblenden ein, die aus klassischen Universal-Filmen zu stammen scheinen, und die suggerieren, dass Martin schon länger als realistisch möglich in dieser Welt lebt - und schoin immer gejagt wurde und nie zur Ruhe kam. Ob diese Rückblenden "echte" Erinnerungen oder nur künstlerische Überhöhungen sind, lässt Romero bewusst im Dunkeln.

Gleichzeitig verabschiedet er sich vom klassischen Vampir-Mythos der Fangzähne, Dunkelheit, Knoblauch, etc. Martins Mordmethode ist kühl und klinisch, und doch so sehr Ausdruck seiner Einsamkeit und dem Wunsch nach Nähe, die er weder von seiner Familie noch in der Umgebung eines heruntergekommenen, vollkommen tristen und deprimierenden Pittsburgh bekommt. Die Kulisse Pittsburgh (Romeros Heimatstadt) steht für den industriellen Verfall Amerikas, für Arbeitslosigkeit und soziale Kälte.

Als Zuschauer schwankt man stets zwischen Bedauern, Mitleid und Ablehnung der Martin-Figur, die hervorragend von John Amplas dargestellt wird. Seine hilflosen Anrufe in einer Radio-Talkshow sind reinste Teenager-Verzweiflung und kaum verschlüsseltes Symbol für die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens in einer verwirrenden Welt. Regisseur Romero lockert die düstere, deprimierende Handlung immer wieder mit Humor auf - zum Beispiel wenn er selbst als Pfarrer auftaucht und den "Exorzisten" zu seinem Lieblingsfilm erklärt.

"Martin" ist keine leichte Kost, kein Hochglanz-Schocker für Teenies, sondern ein ernst zu nehmender Horrofilm für Erwachsene, gleichzeitig spannend und mitreißend. Einer der besten Arbeiten innerhalb des Genres und für mich sicher Romeros bester Film.

9,5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...