Dienstag, 6. April 2010

Katzenmenschen (1942)

Regisseur Jacques Tourneur hat für Produzent Val Lewton mehrere Horrorfilme inszeniert, die vor allem durch ihre Zurückhaltung und Atmosphäre begeistern. Tourneur zeigt nie das Offensichtliche, sondern deutet nur an, den Schrecken erzeugt er lediglich über die Assoziationen, die im Kopf des Zuschauers stattfinden. "I Walked with a Zombie" (1943) und "Cat People" sind anerkannte Klassiker des Horrorfilms und Meilensteine des Genres.

In "Katzenmenschen" verliebt sich der nette Schiffs-Designer Oliver (Kent Smith) in die Serbin Irena, gespielt von der Französin Simone Simon, die im Zoo einen schwarzen Panther zeichnet. Bald schon werden sie ein Paar und heiraten, doch Irena wird von einem schrecklichen Fluch verfolgt - sie glaubt, dass sie sich in einen Panther verwandelt, wenn sie sich einem Mann hingibt. Der zunächst verständnisvolle Oliver verliert bald die Geduld und schickt Irena zu einem Psychiater (Tom Conway). Damit löst er eine Kette von dramatischen Ereignissen aus...

"Katzenmenschen" besticht noch heute durch die unglaubliche Schönheit der S/W-Fotografie, das straffe und intelligente Drehbuch, hervorragende Darsteller und vor allem einige unvergessliche Set Pieces. Als Irena merkt, dass sie Oliver durch ihr Verhalten zu verlieren droht, weckt dessen Kollegin Alice (Jane Randolph) die Eifersucht in ihr. Dies führt zu zwei Sequenzen, die an Spannung und Nervenkitzel nicht zu übertreffen sind. In der ersten wird Randolph von Irena durch einen nächtlichen Park verfolgt, wobei wir nur die Schritte von Irenas Schuhen hören, die aber unvermittelt verstummen. Als plötzlich ein Bus mit lautem Fauchen direkt vor Randolph hält, ist das ein so erschütternder Effekt, dass er in die Filmgeschichte eingegangen ist (dieser heute noch übliche Effekt, in dem ein harmloses Objekt einen Schreckensmoment erzeugt, wird seitdem "Bus" genannt).
Die zweite Sequenz findet gleich im Anschluss statt, wenn Randolph zur Beruhigung ihrer Nerven (schlechte Idee) in ein leeres Schwimmbad geht, wo das diffuse Licht nicht nur die Schatten der Wasserbewegungen an die Wände wirft, sondern auch den Schatten eines Raubtiers...

Die Figur der Alice ist dabei hochinteressant, denn sie wird als Kollegin von Oliver durchaus sympathisch eingeführt, entwickelt aber höchst unsympathische Tendenzen, wenn sie Oliver ihre Liebe gesteht, obwohl dieser sich gerade über seine Ehe bei ihr ausgeweint hat. Im Gegensatz zur sensiblen Irena wirkt sie kalt und berechnend, trotzdem ist sie als Opfer die Zielscheibe für die vermeintlichen Angriffe des Raubtieres, und man soll Angst um sie haben. Außer dem durchweg netten Oliver haben alle Figuren in "Katzenmenschen" zwei Gesichter. Der nette Psychiater ist ein finsterer Lüstling mit Schwert im Spazierstock, die freundliche Alice hat kein Problem, Irena Freundschaft vorzuspielen und sich gleichzeitig an deren Ehemann heranzumachen. Irena selbst ist eine bemitleidenswerte Figur, deren Einsamkeit in jeder Sekunde spürbar ist, deren seltsames Verhalten aber beängstigt.
Das sind Figurenkonstellationen, wie man sie heute leider nicht mehr in einem Genre findet, das vor strunzdummen Teenagern nur so wimmelt.

Tourneurs Spiel mit Licht und Schatten wird auch in anderen Szenen meisterhaft durchgeführt, etwa wenn Simone Simon vom Psychiater Conway in Hypnose versetzt wird und ihr Gesicht als einziger Lichtfleck in tiefstem Schwarz leuchtet. Wenn sie von ihrer Heimat und den Vorfahren erzählt, "leuchtet" sie, der banale Alltag des amerikanischen Lebens tötet sie. So wie der Panther in der ersten Szene hinter Gittern ein trostloses Dasein fristet (man denkt unwillkürlich an Rilke), so ist auch die unglückliche Irena in der fremden Welt zur Einsamkeit verdammt. Auch die Ehe kann sie nicht retten, das stellt Tourneur von Anfang an klar.

Nach der Trauung sitzt das Paar mit Freunden in einem Lokal, wo sich eine mysteriöse, katzenähnliche Frau (man beachte sogar das Schleifchen in ihrem Haar) von der Theke löst und Irena "My Sister" zuflüstert, bevor sie wie eine Fata Morgana verschwindet. Einige Filmanalytiker haben darin eine lesbische Lesart entdeckt, nach der Irenas "Fluch" lediglich eine Übersetzung ihrer homosexuellen Neigung darstellt - was Sinn macht, da sie sich weder vor noch nach der Trauung ihrem Mann hingeben kann und sich stattdessen auf die "Rivalin" konzentriert und dieser wie ein Raubtier nachstellt.
Ob derlei Interpretationen beabsichtigt sind oder nicht, spielt dabei keine große Rolle, man muss es aber Autor Dewitt Bodeen und Regisseur Jacques Tourneur hoch anrechnen, dass sie alle Türen bewusst offen lassen. Ob Irena sich tatsächlich in einen Panther verwandelt und ihr Fluch Wirklichkeit oder nur Einbildung ist, wird im gesamten Film nie klar und spielt auch für das Funktionieren dieses Meisterwerks keine Rolle. "Katzenmenschen" ist ein in jeder Beziehung reifer, kluger und dazu hochspannender Film voller faszinierender Details und großer Würde.

1944 entstand unter der Regie von Robert Wise die Fortsetzung "Curse of the Cat People", die aber weniger als Horrorfilm denn als düsteres Märchen zu verstehen ist. Hier sind Oliver und Alice (wieder Smith und Randolph) mittlerweile verheiratet, und die Katzenfrau Simone Simon erscheint ihrer kleinen Tochter als Geist einer unverarbeiteten Vergangenheit.

Autorenfilmer Paul Schrader inszenierte 1982 das obligatorische Remake mit Nastassja Kinski und Malcolm McDowell, das zwar ein Flop wurde, aber wegen Kinski und der fantastischen Maskenarbeit durchaus ansehbar ist. Natürlich wurden die sexuellen Subtexte aus dem Original hier in den Vordergrund gerückt (nun kann Irena den Fluch nur durch einen inzestiösen Akt loswerden), aber die stärksten Szenen sind genau die, die sich 1:1 am Vorgänger orientieren, nämlich der nächtliche Park und das Schwimmbad.

Qualität ist eben zeitlos.

10/10

Kommentare:

  1. Schon wieder ne klasse Filmkritik von einem Top 100 Favourite...leider auch hier noch immer keine DVD-Veröffentlichung - ich vermisse diese Klassiker wie "Wendeltreppe" oder "Arzt und Dämon". Hab aber noch ne Katzenmenschen VHS von Kinowelt. Die erschien damals gleichzeitig mit dem genauso guten Tourneur Klassiker "Ich folgte einem Zombie".

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  2. Danke Ray, auch einer meiner Favoriten, die Rezension zu "Zombie" folgt noch... :-)

    Hier kann ich übrigens die US-Val-Lewton-Box empfehlen, da sind alle Lewton-Filme in sehr guter Qualität drin, mit interessanten Audiokommentaren (William Friedkin z.B.) sowie einer Lewton-Doku, präsentiert von Martin Scorsese.

    Liebe Grüße!

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  3. Kurz bevor mein Videorekorder im vergangenen Jahr sein Leben ausgehaucht hat, hab ich mir den Film nochmal auf VHS ansehen können. Grandios! Genau wie die Rezension. ;-)

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  4. Dankeschön. Hast Du das Remake gesehen, und wie findest Du das?
    LG!

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  5. ACHTUNG an alle "Katzenmenschen"-Fans, es geschehen noch Zeichen und Wunder, die Arthaus-Collection veröffentlicht am 16. September 2010 den Klassiker auf DVD!!

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  6. Ich kenne das Remake, aber, ehrlich gesagt, bevorzuge ich auch heute noch das Original!

    Ehrlich? Endlich eine Veröffentlichung? Das wurde aber auch Zeit!!

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