Donnerstag, 8. April 2010

Ich folgte einem Zombie (1943)

Hinter dem reißerischen Titel "I Walked with a Zombie" verbirgt sich einer der wundervollsten und einflussreichsten Horrorfilme aller Zeiten. Jacques Tourneurs Meisterwerk besitzt eine poetische, traumähnliche Qualität, die selten im Genre erreicht wurde. Als Vorlage diente - bewusst oder unbewusst - der viktorianische Roman "Jane Eyre", aus dem mehrere Motive deutlich übernommen wurden. Auch De Mauriers "Rebecca" findet sich in der Geschichte.

Der Film erzählt von der jungen Krankenschwer Betsy (Frances Dee), die auf die tropische Insel St. Sebastian reist, um sich dort um die Ehefrau eines Plantagenbesitzers (Tom Conway) zu kümmern, die in einer Art Trance gefangen ist. Steht sie unter dem Einfluss eines Voodoo-Zaubers? Betsy verliebt sich in den unglücklichen Ehemann ihrer Patientin, versucht aber alles, sie von dem magischen Bann zu befreien. Dafür geht sie nachts mit ihr durch Zuckerrohrfelder und begegnet einer zombiehaften Gestalt, die sie direkt ins Herz der Finsternis führt... mit tragischen Konsequenzen.

Es fällt schwer, einen Film wie "I Walked with a Zombie" in Worte zu fassen. Der dichten Atmosphäre aus Tragik, Liebe und Grauen kann man sich kaum entziehen. Verläuft die Geschichte anfangs wie ein Groschenroman, entwickelt sie sich schnell zum Gothic Horror voller düsterer Geheimnisse, brütender Charaktere, Licht und Schatten. In einer bedeutsamen Szene zu Beginn zeigt sich Frances Dee bei der Überfahrt verzaubert von der exotischen Schönheit um sie herum, während Tom Conway ihr mit tödlichem Ernst erklärt, dass die fliegenden Fische lediglich aus Furcht vor räuberischen Artgenossen an die Wasseroberfläche springen, und beim Anblick einer Sternschnuppe sagt er: "Sogar die Sterne sterben Alles stirbt hier."

Wie die meisten Filme des Produzenten Val Lewton ist auch "I Walked with a Zombie" besessen von Tod und Verfall. Schönheit und Grauen liegen so nah beieinander, dass man sie kaum unterscheiden kann. Das betrifft auch Conways Ehefrau. Sie ist der "Zombie" des Films. In weißen Gewändern erhebt sie sich nachts, um einem inneren Ruf zu folgen. Sie ist ebenso schön wie erschreckend, eine apathische "weiße Frau", die aus uralten Schauergeschichten zu stammen scheint. Und die Tatsache, dass sich unsere junge Heldin Dee in deren Mann verliebt, während sie um ihre Genesung kämpft, wird vom Film niemals verurteilt.

Bemerkenswert ist auch die Art, wie Regisseur Tourneur und sein Autor Curt Siodmak sowohl die schwarzen Nebencharaktere als auch den Voodoo-Hintergrund ernst nehmen. Die Dienerschaft besteht hier nicht aus augenrollenden, quiekenden Witzfiguren, wie sie in Luxusproduktionen wie "Vom Winde verweht" noch kurz zuvor porträtiert wurden. Insbesondere Theresa Harris als Hausmädchen verkörpert ihre für die Erzählung wichtige Figur mit erwachsener Würde.
Auch der Umstand, dass die Vorfahren des Plantagenbesitzers Tom Conway Sklaven auf die Insel brachten, wird von diesem richtigerweise als grausamer Akt eingeordnet. Während die naive Betsy noch meint "Sie wurden zumindest an einen sehr schönen Ort gebracht", macht Conway seine Familie und deren Sklavenhaltung für die Tragik verantwortlich, welche die Insel und die Menschen umgibt. Das hört man nicht in jedem Hollywood-Film der 40er.
Dazu werden noch kurz Themen wie Sterbehilfe angesprochen, wenn Betsy gebeten wird, die Patientin endlich zu erlösen, was diese jedoch von sich weist.

Die Schwarzweiß-Fotografie ist wie üblich bei Tourneur zum Anbeten schön. Der Ausstattung gelingt es trotz eines verhältnismäßig geringen Budgets, das tropische Flair völlig überzeugend darzustellen, man vergisst schnell, dass dies alles nur Studio-Bauten in Hollywood sind und wähnt sich direkt im Ort des Geschehens. Die Einrichtung steckt voller Details - man beachte zum Beispiel das Bild an der Wand im Zimmer der "untoten" Patientin - es handelt sich um Böcklins "Die Toteninsel".

Die Darsteller leisten allesamt sehr gute Arbeit. Tom Conway hat zuvor in Tourneurs Klassiker "Katzenmenschen" (1942) eine wichtige Rolle gespielt, hier überzeugt er als verbitterter, still leidender Plantagenbesitzer. Dessen Familiengeschichte wird unserer Heldin (und dem Zuschauer) in einer bemerkenswerten Szene erläutert, indem ein Straßenmusikant sie vorsingt. Leider ist dieses inhaltlich so wichtige Lied in der eingedeutschten Fassung unfreiwillig komisch geraten, deshalb sollte man sich unbedingt die Originalversion ansehen!

Das Wort "Zombie" wird heute eher mit Splatter und Ekel verbunden, verantwortlich dafür ist George A. Romero mit seiner berühmten Trilogie (und unzählige Nachfolger). "I Walked with a Zombie" ist - ebenso wie der frühere Klassiker "White Zombie" (1932) - dagegen ein Musterbeispiel an Zurückhaltung, Suggestion und Detailreichtum, und darüber hinaus Pflichtprogramm für jeden Cineasten. Ein Film, der in seinen nur 70 Minuten Lauflänge mehr Reichtum bietet als so manches Epos.

10/10


Kommentare:

  1. Da ist die Rez ja schon, klasse geschrieben. Und natürlich ein wahnsinnig schöner Horrorfilm...

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  2. Das ist er, ieber Ray! Ich finde es erstaunlich, dass Filme wie dieser alles aufbieten, was Hollywood auszeichnet, Liebe, Spannung, Abenteuer, Grusel... und doch wirkt er nie so, als wäre er auf Massengeschmack hin konzipiert, sondern ganz eigenständig und künstlerisch. Das ist für mich die hohe Kunst des alten Hollywood, die ich so vermisse am aktuellen Kino. Immer am Zuschauer orientiert, aber eben nicht hohl. Liebe Grüße!

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  3. Den Film habe ich vor Jahrzehnten mal im Fernsehen gesehen und seitdem nie mehr vergessen. Wäre wirklich schön, wenn er endlich, endlich den Weg auf DVD finden würde, aber da warten wir wohl vergebens ...

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  4. Ich fürchte auch, ich hüte meine TV-Aufnahmen wie einen Schatz!
    LG, Mathias

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