Donnerstag, 8. April 2010

Home Movies (1980)

HOME MOVIES ist vielleicht der bis heute am wenigsten bekannte Film von Brian De Palma. Er inszenierte und entwickelte ihn zusammen mit seinen Filmstudenten und finanzierte ihn - gemeinsam mit seinem Star Kirk Douglas - selbst. Diese Gemeinschaftsproduktion erkennt man an den unzähligen Ideen, die hier übereinander purzeln, wobei viele von De Palmas eigenen Obsessionen und die Besetzung den Film klar als sein Werk ausweisen.

HOME MOVIES ist eine bissige Satire auf den American Way of Life, das heile Familienleben in amerikanischen Filmen und TV-Serien sowie ein zynischer Kommentar zum Heimvideo-Trend, bei dem sich Hausfrau und Familienvater als Regisseur aufspielen.

Erzählt wird von der Familie Byrd. Sohn James (Gerrit Graham, "Phantom im Paradies") zieht als Philosophie-Lehrer mit seinen Jüngern aus der Sommerschule durch die Wälder und verbreitet Unsinn über "Spartaner von heute", seine Verlobte Christina (Nancy Allen) erscheint zunächst als engelhaft unsschuldiges Wesen im Schoß der Familie, hat es aber selbst faustdick hinter den Ohren. Sie kann eine Stripper-Vergangenheit vorweisen und steht unter dem Einfluss eines sadistischen Stoff-Häschens (ohne Worte!), das sie zu schamlosem Sex zwingt. James' Vater (Vincent Gardenia) macht sich gleich beim Abendessen an Christina heran und pflegt eine Affäre mit seiner Sprechstundenhilfe, James' Mutter (Mary Davenport) versucht unentwegt, sich das Leben zu nehmen, wobei alle Versuche nur vorgetäuscht sind und kaum jemanden interessieren.

Hauptfigur des Films ist aber der jüngste Sohn Dennis (Keith Gordon), der als schräger Vogel und introvertierter Außenseiter ganz klar De Palmas Alter Ego darstellt (De Palma schildert hier überspitzt seine eigene Kindheit). Er wird von allen ignoriert und sucht Hilfe bei seinem Filmprofessor (Kirk Douglas, "Teufelskreis Alpha"), der ihn animiert, eine Dokumentation über sein eigenes trostloses Leben zu drehen und somit endlich zum "Star" seines Lebens zu werden. Fortan betätigt sich Dennis als Voyeur mit Handkamera und deckt sämtliche Familiengeheimnisse auf, was zu katastrophalen Entwicklungen und einem Todesfall führt...

Den kompletten Inhalt von HOME MOVIES wiederzugeben, würde bedeuten, den Film von hinten bis vorne nachzuerzählen. Was der Komödie fehlt, ist die Eleganz, die visuelle Raffinesse, die De Palmas große Werke auszeichnet, der Grund dafür liegt selbstverständlich im geringen Budget. Es gibt zwar reichlich experimentelle Kamerapositionen, Slow-Motion und andere Spielereien, aber insgesamt macht HOME MOVIES tatsächlich den Eindruck eines Heimvideos.
Die vielen, vielen Gags und absurden Ideen entschädigen aber dafür. Nicht alle von ihnen treffen ins Schwarze, und gelegentlich driftet der Film in Albernheit und sogar Blödheit ab, doch er besitzt unbestritten eine Menge kreative Energie und Originalität.

De Palma verzichtet ein wenig auf seine typischen Filmzitate (außer, wenn er Nancy Allen zu Pino Donaggios romantischer Musik in Zeitlupe auftreten lässt und sie später ein schizophrenes Verhältnis mit ihrem Stoffhäschen haben lässt, in bester Norman Bates-Tradition) und lässt seine Darsteller improvisieren. Sind seine Filme sonst bis ins Detail durchkomponiert und erlesen fotografiert, wirkt hier alles spontan, locker und verspielt. De Palmas Handschrift ist aber unter anderem an ständigen Film-im-Film-Sequenzen erkennbar, und die privaten Bezüge (De Palma war nach eigenen Aussagen der unbeachtete Technik-Freak in der Familie, der immer im Schatten seines Bruders stand) machen HOME MOVIES zu einem Schlüsselfilm im Oeuvre des Regisseurs.

Das hochkarätige Ensemble ist aus vielen De Palma-Filmen bekannt. Allen, Gordon und Davenport haben im zeitgleich entstandenen "Dressed to Kill" gespielt, hier haben alle für eine Mindest-Gage mitgewirkt, auch De Palmas Stammkomponist Pino Donaggio, der für die Komödie seinen wohl schrägsten Score komponiert hat und fröhlich den "Barbier von Sevilla" zur Untermalung variiert, noch so eine verrückte Familiengeschichte. Gerrit Graham agiert übrigens ebenso exaltiert wie in De Palmas "Phantom im Paradies" (als androgyner Rockstar "Beef") und reißt alle Szenen an sich.

Manchmal übetreibt der Film das hysterische Chaos und schrammt kurz an Nervigkeit vorbei, es gibt aber viele brillante, komische und anarchische Momente, etwa wenn Nacy Allen für ihren "Spartaner" James allem Fast Food und Sex abschwören muss und von dessen Studenten mit einer versteckten Kamera verfolgt wird, die überprüfen sollen, ob sie standhält.
Das Finale, in welchem sie als Bauchrednerin mit ihrem Stoffhäschen durchs Haus hüpft, sich dabei mit der Stimme des Plüschtiers beschimpft und die Klamotten vom Leib reißt, sind zum Schreien komisch. Wenn man HOME MOVIES mit anderen De Palmas vergleichen wollte, müsste man seine frühen Anarcho-Komödien heranziehen, "Greetings" (1968) und "Hi, Mom!" (1970).

Mit HOME MOVIES hat De Palma zwar absolut den Nerv seiner Zeit getroffen und lässt keine heilige Kuh ungeschlachtet, die Patchwork-Manier, in welcher er den Film inszeniert hat, ließ das Publikum allerdings kalt. HOME MOVIES war ein totaler Reinfall an den Kinokassen und ist bis heute fast gänzlich unbekannt. Dies scheint ungerecht, weil die Satire so viel Stoff, Themen und Lacher anbietet, selbst wenn sie manchmal arg holpert und der Gesamteindruck verwirrend bleibt.

07/10

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