Dienstag, 20. April 2010

Gefährliche Begegnung (1944)

Kriminalistik-Professor Edward G. Robinson bewundert auf der Straße das Bildnis einer schönen Frau im Schaufenster einer Galerie, prompt steht sie (Joan Bennett) auch schon neben ihm. Er verliebt sich auf der Stelle und begleitet die Schönheit nach Hause, doch ihr rasend eifersüchtiger Liebhaber taucht im falschen Moment auf und kann nur durch Mord ruhig gestellt werden. Robinson beseitigt die Leiche, das Paar trennt sich, doch ein Erpresser (Dan Duryea) ist den beiden auf der Spur. Mehr und mehr gerät Robinsons Leben aus den Fugen, immer tiefer verstrickt er sich in Mord und Totschlag, bis...

Ja, bis... Fritz Lang eine überraschende Wendung auffährt, die ihm seinerzeit von einigen Kritikern als Feigheit angelastet wurde, die aber aufgrund Zensurbestimmungen nicht anders möglich war. Ursprünglich sollte der Film mit Robinsons Selbstmord enden. Im Kontext des Films aber passt das Ende kongenial zu den Ereignissen. Filmisch ist diese Wendung so brillant umgesetzt (ein Zusammenspiel aus Kamera, Licht und Dekoration), dass man unweigerlich die DVD zurückspulen muss, um sie sich gleich noch einmal anzusehen.

THE WOMAN IN THE WINDOW (Gefährliche Begegnung) gehört zu den schönsten amerikanischen Werken Langs. In der Tradition des Film Noir gerät Robinson durch eine einzige Begegnung und "Verfehlung" komplett auf die schiefe Bahn, das Schicksal schlägt erbarmungslos zu, und alle Versuche, dem Netz aus Lügen unbeschadet zu entkommen, ziehen ihn nur noch tiefer hinein.
Als Kriminalist wird Edward G. Robinson von seinem ermittelnden Kollegen gebeten, den Fall zu begleiten, nachdem die Leiche des ermordeten Liebhabers aufgetaucht ist. In dieser Passage knistert der Film vor Spannung, man wartet nur darauf, dass Robinson einen Fehler macht - so geht er zum Beispiel bei einer Tatort-Besichtigung genau in die Richtung des Leichen-Fundorts, obwohl er diese nicht kennen dürfte - was auch den Kollegen auffällt, die ihn aber niemals verdächtigen würden. In diesen Momenten bleibt einem förmlich das Herz stehen.
Wie Hitchcock schafft Lang die totale Identifikation mit dem Mörder Robinson, so sehr verkörpert er den Jedermann, der einer allzu menschlichen Schwäche nachgegangen ist. Man will nicht, dass er büßen muss, man weiß aber, dass Mörder in den Filmen der 40er in jedem Fall für ihre Taten büßen, Notwehr oder nicht.

Interessant ist die Rolle von Joan Bennett, die als klassische Femme Fatale Robinson in die größten Schwierigkeiten bringt, aber dennoch unschuldig bleibt - wenn man davon absieht, dass sie zur Komplizin wird und ihren Teil zur Vertuschung beiträgt. Der Mord an ihrem Liebhaber wurde weder von ihr geplant, noch verfolgt sie andere finsteren Ziele. Ihre Begegnung mit Robinson wird auch ihr zum Verhängnis. Damit bleibt sie zwar der Auslöser, aber nicht die treibende Kraft der tragischen Ereignisse. Ein Jahr später inszenierte Lang erneut mit Robinson, Bennett und Dan Duryea (der hier den Erpresser gibt) den sehr ähnlichen "Scarlet Street - Straße der Versuchung", in welchem Lang noch deutlicher die Lust an der Zerstörung der männlichen Hauptfigur anzumerken ist, und in dem Bennett eine sehr viel aktivere Rolle zukommt.
Joan Bennet spielt diese Femme Fatale betörend, allein ihrer Stimme zu lauschen, ist ein Genuss. Kein Wunder, dass Robinson ihr sofort verfällt, wer würde das nicht? Robinson selbst ist wieder einmal perfekt besetzt, man schließt ihn sofort ins Herz und leidet mit.

In seinem Neo-Noir "Femme Fatale" (2002) hat Regisseur Brian de Palma viel von Langs Bildsprache und Thematik, inklusive der überraschenden Wendung aus WOMAN IN THE WINDOW, benutzt.
Langs Film ist ein zeitloser Klassiker, der immer wieder Freude macht und mit sparsamen Mitteln sehr viel Wirkung erzielt.

Auf die deutsche DVD-Veröffentlichung dieses Klassikers darf weiter gewartet werden, während die 52. Ultimate Version von "Inglorious Basterds" erscheint.

10/10

Kommentare:

  1. Und dieser Film Noir ist natürlich auch klasse, auch einer meiner Favs. Leider wieder keine DVD Veröffentlichung. Wie ärgerlich....

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  2. Bei so tollen Klassikern greife ich gleich zu den US-DVDs. Als deutsche Fassung habe ich noch eine alte TV-Aufnahme, bei der man den Ton kaum verstehen kann. Sehr schade, vielleicht erbarmt sich ja jemand, den Film zu veröffentlichen. Ich habe ohnehin das Gefühl, dass kaum noch Klassiker bei uns auf DVD erscheinen, dabei gibt es noch so viele unveröffentlichte.

    Liebe Grüße!

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  3. Ja, das Gefühl habe ich auch, daß Klassiker hierzulande so gut wie gar nicht mehr auf DVD erscheinen. Leider!

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