Dienstag, 20. April 2010

Equus (1977)

EQUUS, das grandiose Bühnenstück von Peter Shaffer, in dessen Uraufführung Anthony Hopkins glänzte, und das jüngst durch den Blätterwald rauschte, weil "Harry Potter"-Darsteller Daniel Radcliffe in der Londoner Inszenierung etwas unbekleidet mitwirkte (leider brauchen auch große Stücke wie dieses heutzutage derlei Publicity, um die Menschen ins Theater zu locken), wurde 1977 von dem ausgezeichneten Regisseur Sidney Lumet fürs Kino bearbeitet.

Herausgekommen ist ein zwar sperriges, aber durchweg faszinierendes Filmerlebnis, das die klaustrophobische Atmosphäre der Vorlage außer Acht lässt, dafür aber hervorragende Leistungen seiner Darsteller und psychologisch exakt gezeichnete Charaktere bietet.

Die Geschichte: der von Beruf und Privatleben ermüdete Psychiater Dysart (Richard Burton) soll klären, warum der 17-jährige Stallbursche Alan (Peter Firth)in einem Blutrausch sechs Pferde verstümmelt hat (er hat ihnen die Augen ausgestochen). Die Annäherung an den neurotischen Jungen, der aus einem streng religiösen Elternhaus stammt, gestaltet sich zunächst schwierig, doch nach und nach kann Dysart das Vertrauen Alans gewinnen und ein psychologisches Profil erstellen...

Es geht um die Natur von Mensch und "Biest", Unterdrückung des sexuellen Erwachens durch Religion und Kritik an der Psychiatrie. "Ein Arzt kann Leidenschaft töten - er kann sie nicht erschaffen", sagt Dysart am Ende. Starker Stoff für einen starken Film. Für das Drehbuch bearbeitete Peter Shaffer sein eigenes Bühnenstück und öffnete den engen Rahmen der Vorlage für Rückblenden und Szenen außerhalb der Psychiatrie. Trotzdem kann der Film seinen Hintergrund nie leugnen, dafür sorgen schon die langen und brillanten Dialog-Duelle zwischen den Darstellern, die den Reiz des Films ausmachen. Dargeboten werden diese von einem großartigen Richard Burton, der vollkommen in die ausgebrannte Psyche seiner Figur eintaucht (und die ihm wohl nicht unähnlich war). Burton besitzt eine magnetische Leinwandpräsenz, der junge Peter Firth steht ihm dabei in nichts nach. In Nebenrollen als Alans Eltern brillieren Joan Plowright und Colin Blakely.

Die Szenen außerhalb der Anstalt und aus Dysarts Privatleben fallen dagegen etwas ab, gelegentlich hat Sidney Lumet etwas Mühe, dem filmischen Medium gerecht zu werden - so kommt es vor, dass Richard Burton etwa in einer Szene während seines Dialogs Herbstlaub aufsammelt, eine reine Hilfsmaßnahme, um dem Schauspieler eine äußerliche Handlung zu geben, anstatt ihn nur reden zu lassen.

Die schockierende Tat des jungen Alan, die Verstümmelung der von ihm gottgleich verehrten Pferde, muss Lumet zeigen, das ist er dem Kinopublikum (vielleicht) schuldig, die Szene ist tatsächlich erschreckend, doch wird der Tat durch die sichtbare Darstellung auch mindestens einer Ebene beraubt. Alles in allem aber bleibt EQUUS ein großer Schauspielerfilm. Burton und Firth erhielten für ihre Darstellung jeweils den Golden Globe und Oscar-Nominierungen, ebenso Peter Shaffer. Für Freunde anspruchsvoller Theaterverfilmungen auf jeden Fall ein Muss.

07/10

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