Montag, 19. April 2010

Ed Wood (1994)

In den 70ern wurde Regisseur Edward D. Wood jr. zum schlechtesten Regisseur, und sein Film "Plan Nine from Outer Space" (1959) zum schlechtesten Film aller Zeiten gewählt. Seitdem besitzen er und seine Werke Kultstatus, die sie nur bedingt einlösen können. Tim Burton hat sich 1994 der Trash-Ikone angenommen und ihr mit ED WOOD ein ewiges Denkmal gesetzt.

Tim Burton hat seine Hommage in Schwarzweiß gedreht (was man Touchstone Pictures hoch anrechnen muss, denn Mitte der 90er standen S/W-Filme nicht gerade hoch im Kurs), sie ist wundervoll fotografiert, ausgestattet und besitzt genau die Mischung aus skurrilem Witz und Ernsthaftigkeit, mit der man dem Schaffen der Kultikone gerecht werden kann.

Burton gelingt in ED WOOD etwas beinahe Unmögliches. Sein Film verklärt (Wood war laut Zeitzeugen ein frustrierter, depressiver Alkoholiker) und besitzt dennoch eine Wahrhaftigkeit. Er parodiert Woods Filme und Arbeitsweise, verteidigt sie aber gleichzeitig. Als Ed Wood (Johnny Depp) in einer Bar Orson Welles (Vincent D'Onofrio) trifft, erklärt dieser ihm, dass man stets an seine künstlerische Vision glauben sollte, auch wenn es sonst niemand tut. Hier treffen Genie und Inkompetenz aufeinander, beide mit den gleichen Sorgen, mit denen auch Tim Burton selbst lange zu kämpfen hatte. Kaum einer seiner frühen Filme konnte nach seinen Vorstellungen realisiert werden, und trotz mittlerweile etabliertem Status und Kassenhits bleibt Burton - ebenso wie Wood - ein Außenseiter im Hollywood-System, weil sich seine Visionen nicht denen des Mainstream anpassen wollen. Burton findet in der Figur des Ed Wood einen Seelenverwandten, auch deshalb wird er von Johnny Depp so liebenswert gezeichnet. In Burtons Augen war Wood nie ein Versager, weil er den Glauben an sich nie verloren hat.

Über das wunderbare Ensemble, das hier zumeist reale Begleiter Woods darstellt, muss man nicht viel sagen, außer, dass alle fantastisch agieren. Allein Bill Murray sorgt in seinen wenigen Szenen als Möchtegern-Transsexueller Benny Breckinridge für mehr Lacher als komplette andere Filme zu bieten haben. Gelegentlich erinnert ED WOOD - nicht nur wegen der S/W-Kamera - an Mel Brooks' Geniestreich "Frankenstein Junior", der ähnlich liebevoll mit den filmischen Vorbildern umging und seine Schauspieler kongenial auf Ähnlichkeit mit den historischen Vorbildern besetzte. Brooks' Film aber bleibt reine Parodie, während es Burton um mehr geht.

Herausragend ist und bleibt natürlich Martin Landau als Bela Lugosi - eine Darstellung, für die er jeden Preis verdient hat, und die zu den größten Filmdarstellungen aller Zeiten gezählt werden darf. Er ist schlicht atemberaubend gut, und Burton verleiht seiner tragischen Figur auch in den erbärmlichsten Momenten noch die Würde, die ihm gebührt (hier darf man anmerken, dass er auch in der deutschen Fassung glänzend synchronisiert wurde).
Johnny Depp spielt in ED WOOD seine zweite Burton-Rolle nach "Edward mit den Scherenhänden" (1990) und zeigt trotz gelegentlichen Grimassierens eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, wie jung seine Filmkarriere zu diesem Zeitpunkt noch war. Bekanntlich sollten noch weitere Burton/Depp-Arbeiten folgen.

ED WOOD ist ein Film, der die Außenseiter liebt, mit denen sich Burton identifiziert. Sein Film war kein großer Hit, hat sich aber einen unerschütterlich guten Ruf erarbeitet. In meinen Augen handelt es sich bei Ed WOOD nicht nur um Tim Burtons mit Abstand beste Arbeit (nach wie vor), sondern auch um einen der besten Filme der 90er.

Eine Sternstunde des Kinos.

9,5/10

Kommentare:

  1. und zeitlos wunderbar deine Rezension! - "Morjonetten seid ihhrrrr!!"

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  2. Hallo Mathias,

    Ich glaube die gesamte Welt (von seinen Freunden und Verwandten mal abgesehen) hat erst ab 1979 von der Existenz des 1978 verstorbenen Ed Wood Kenntnis genommen. Damals wurde nämlich das Buch zweier Journalisten veröffentlicht, den Medved Brothers, das zum ersten Mal die schlechtesten Leistungen der Filmhistorie in verschiedenen Kategorien publizierte. Die Jury bestand aus Filmstudenten, die jeweils unter drei angebotenen Namen bzw. Titeln auswählen konnten.

    So wurde als schlechtester Regisseur aller Zeiten Ed Wood und als schlechtester Film dessen Werk PLAN 9 FROM OUTER SPACE ausgelobt. Sicherlich diskussionswürdig, zumal als schlechtesters Hauptdarsteller Richard Burton für seine Rolle als Father Merrin aus meinem geliebten EXORCIST II auserkoren wurde.

    Aber das Ganze sollte ja auch nur ein Spass sein. Das Buch hiess übrigens THE GOLDEN TURKEY AWARDS. Heutzutage wird in Hollywood stattdessen in einer grossen Show DIE GOLDENE HIMBEERE verliehen und Sandra Bullock hat es 2010 tatsächlich geschafft sowohl die goldene Himbeere als auch einen OSCAR einzuheimsen.
    Talent setzt sich eben durch, egal wie !

    Gruss Ralf

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  3. Die Bücher der Medveds sind klasse, wenngleich sie manchmal furchtbar falsch liegen. So findet sich z.B. auch "Zabriskie Point" unter den angeblich schlechtesten Filmen aller Zeiten, der für mich eindeutig zu den besten Filmen der 70er gehört. Mit dem europäischen Kino können die Gebrüder leider nicht viel anfangen, das geht aber auch Filmkritikern wie Roger Ebert so.

    Der Preis für Burton ist natürlich auch eine Frechheit. Natürlich chargiert er oft, aber er war ebenso oft hervorragend (was die medveds ja auch bestätigen).

    PLAN 9 FROM OUTER SPACE finde ich persönlich übrigens keineswegs so schlecht, dass er schon wieder gut ist, sondern einfach NUR schlecht und todlangweilig. Der Kultstatus ist ziemlich übertrieben, und das gilt eigentlich für alle Wood-Filme. Nichtsdestotrotz ist ED WOOD ein wundervoller Film.

    Gruß von Mathias!

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