Dienstag, 20. April 2010

Die erste Vorstellung (1977)

Es ist nicht nur die erste Vorstellung, sondern auch die beste, und zwar von Gena Rowlands, die eigentlich in jedem Film der absolute Wahnsinn ist.

Unter der vertrauten Regie ihres Ehemanns John Cassavetes, dem intellektuellen Außenseiter Hollywoods, spielt sie sich die Seele aus dem Leib. Sie raucht, trinkt, schimpft, leidet und zerreißt sich, als gäbe es kein Morgen. Das ist eine Vorstellung, die man als Fan von Schauspieler-Filmen nicht verpassen sollte. Dazu ist der Film noch eine so messerscharfe Sezierung des Theatermilieus, wie sie sonst nur von "Alles über Eva" oder "Sein oder Nichtsein" vorgeführt wird.

Es geht um den Unterschied von "Spielen" und "Sein" auf der Bühne und im Leben. Es geht um Identitäten und Lebenskrisen, um die Angst vor Tod, Alter und Versagen. Großartig die Szenen, in denen Rowlands betrunken auf die Bühne kommt und ihr Partner, gespielt von Cassavetes, hilflos improvisieren muss, oder wenn sie buchstäblich zu ihrer Garderobe kriechen muss. Das geht unter die Haut. Man möchte fast wegschauen, aber man kann nicht. Hier ist wirklich eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Gena Rowlands bekam zu Recht den silbernen Bären und (natürlich) keinen Oscar. Wann hat es zuletzt im amerikanischen Film eine derart vielschichtige, psychologisch ausgefeilte Frauenfigur jenseits der 40 gegeben?

Ich empfehle die erste Vorstellung in einer Doppel-Vorstellung mit Cassavates' "Gloria", allein um zu verstehen, wie viele Facetten eine Schauspielerin haben kann. Großes Kino, große Menschlichkeit, ein absoluter Geniestreich. Wo sind solche Filme heute, wo wir sie brauchen?

09/10

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