Dienstag, 20. April 2010

Der Mann, der vom Himmel fiel (1976)

Der ehemalige Kameramann und britische Regie-Exzentriker Nicolas Roeg schuf nach seinem Meisterwerk "Wenn die Gondeln Trauer tragen", das von Kritikern und Publikum bejubelt wurde, 1976 mit DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL einen wilden Mix aus Science Fiction, Drama, Liebesgeschichte und Gesellschaftsanalyse, der sich nicht einordnen und so viel Raum für Interpretationen lässt, dass man ihn mehrfach sehen muss, um ihn in all seiner Komplexität zu erfassen.

Die Geschichte: Ein Außerirdischer (David Bowie) landet auf der Erde, um mit Hilfe der Wasservorräte seinen vom Austrocknen bedrohten Heimatplaneten zu retten. Er baut sich mit wissenschaftlichen Patenten seiner hochentwickelten Zivilisation ein Firmenimperium auf, verliebt sich, wird aber zunehmend unglücklicher. Als die Menschen seine wahre Natur entdecken, wird alles für ihn noch schlimmer...

Nicolas Roeg spielt mit verschiedenen Symbolen und Themen. Kapitalismuskritik, der Gegensatz von Zivilisation und Natur, sowie die Stellung des Menschen im Universum sind nur einige. Letztlich geht es ihm auch um die Unfähigkeit der Menschen, ein Individuum mit all seinen Absonderlichkeiten zu akzeptieren und ihn als Geschenk wahrzunehmen, anstatt ihn unter Zwang integrieren zu wollen (brisant aktuell, wenn man so will). So verliert Bowie immer mehr die eigene Identität. Die schöne Welt der Zukunft wird von Firmen und Konzernen kontrolliert und duldet keine Selbstverwirklichung oder persönliches Glück. Wenn Bowie gequält vor 20 Fernsehbildschirmen sitzt und sich dem Bildersturm nicht entziehen kann, erreicht Roegs Werk geradezu prophetische Qualität. Wie üblich streut er immer wieder assoziative Bilder ein (darunter Erinnerungen an den Wüsten-Heimatplaneten), die das Geschehen verzerren und den Blick öffnen. Der Soundtrack besteht aus Dutzenden von Musikstilen. Die Kameraführung von Anthony Richmond ist brillant (das ist man selbst von Roegs schwächeren Werken gewohnt).

Ob der Film sich letztlich verzettelt oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Mir wäre eine straffere Erzählung lieber gewesen, so stellen sich bei 140 Minuten doch ein paar Längen ein, auch wenn zu keiner Sekunde inhaltlicher Leerlauf besteht.

DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL war kein Erfolg beim Publikum und genießt heute Kultstatus, auch wegen David Bowies einzigartiger, bizarrer Präsenz. Er ist die perfekte Besetzung und zeigt als unglückliches Alien eine wirklich außergewöhnliche Leistung. Sehenswert ist Roegs Film allemal, er ist Lichtjahre entfernt vom Mainstream und konnte so nur in den 70ern entstehen. Man kann ihn allerdings leichter bewundern als mögen.

06/10

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