Dienstag, 20. April 2010

Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1971)

Bunuel bittet zu Tisch!

Die absurde Komödie DER DISKRETE CHARME... aus dem Jahr 1972 ist mein persönlicher Lieblings-Bunuel und dürfte das mit Abstand zugänglichste und fröhlichste Werk des Filmkünstlers sein.

Erzählt wird von sechs feinen Damen und Herren der oberen Gesellschaft, die doch nichts mehr wollen als gemeinsam zu speisen. Doch irgendwie kommt immer etwas dazwischen. Mal verwechselt man die Termine, dann wieder liegt ein toter Mann im Nebenraum eines Restaurants und verdirbt allen den Appetit, ein weiteres Mal öffnet sich plötzlich ein Vorhang und man findet sich auf der Bühne eines Theaters vor staunendem Publikum wieder, oder Revolution und Krieg brechen aus. Man hat es aber auch nicht leicht, dabei sind alle so schön angezogen und haben perfekte Manieren, sind Meister der leichten Konversation und fröhnen ihrer Lust. Ein geplantes Diner kommt nicht zustande, weil das Gastgeber-Paar ein erotisches Beisammensein im Freien vorzieht.

Die Wiederholung dieser Grundkonstellation nimmt mit zunehmender Laufzeit immer groteskere Züge an, bis man auch als Zuschauer nicht mehr weiß, was Traum, Realität oder Geschichte-in-der-Geschichte ist.

Dargeboten wird dieses surreale Spiel von einem wunderbaren Ensemble aus Stars wie Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Fernando Rey (als Botschafter einer lateinamerikanischen Diktatur, der nebenbei mit Kokain handelt) und der hinreißend schönen Delphine Seyrig. Neben allem heiteren Spaß blitzt Bunuels satirisches Messer aber scharf. Wenn der nette Bischof sich beim vornehmen Ehepaar als Gärtner anstellen lässt, darf man durchaus zur Kenntnis nehmen, wie sich die Kirche an die Bourgeoisie anbiedert. Die Doppelmoral der piekfeinen Gesellschaft und ihre leeren Rituale, die sich fernab jeder Wirklichkeit (oder ihrer Ausblendung der Wirklichkeit) abspielen, sind durchgängig das Angriffsziel von Bunuels bösem Witz und persönlicher Verachtung.

DER DISKRETE CHARME... ist ein filmischer Leckerbissen von Anfang bis Ende (welcher den Protagonisten verwehrt bleibt). Die elegant gekleideten Herrschaften, die immer wieder eine einsame Landstraße entlang gehen, zufrieden mit sich und ihrem Dasein, das ist ein Bild, das nachdrücklich wirkt und in seiner Schlichtheit so viel Tiefe offenbart. Herrlich!

09/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...