Dienstag, 20. April 2010

Das unsichtbare Auge (1978)

DAS UNSICHTBARE AUGE (Someone's Watching Me!) ist die dritte Regiearbeit von Horror-Spezialist John Carpenter (nach "Dark Star", 1974 und "Das Ende", 1976) und wurde fürs US-Fernsehen produziert.

Zur Story: die junge Fernseh-Regisseurin Leigh Michaels (Lauren Hutton) zieht in ein Luxus-Hochhaus in L.A., wo sie sofort nach ihrem Einzug mit anonymen Geschenken und Telefonanrufen bedroht wird. Offenbar beobachtet jemand sie vom gegenüberliegenden Gebäude aus. Als Leigh sich weigert, das Opfer zu sein und zurückschlägt, gerät der unsichtbare Voyeur außer Kontrolle...

Für Fans des großen Alfred Hitchcock ist "Das unsichtbare Auge" eine wahre Fundgrube. Carpenter zitiert bereits mit dem Titelvorspann "North by Northwest" (1959), die Geschichte basiert natürlich auf "Das Fenster zum Hof" (1954), und zwischendurch gibt es Anspielungen auf "Psycho" (1960), "Vertigo" (1958) und "Bei Anruf Mord" (1954), um nur einige zu nennen. Trotzdem funktioniert der Thriller auch als eigenständiges Werk. Die Spannung baut sich langsam, aber unaufhaltsam auf, einige Sequenzen (wie Leighs Begegnung mit dem Unsichtbaren im Keller des Apartmenthauses) sind geradezu brillant. Wie auch in seinem Folgefilm (und wohl bekanntesten Werk) "Halloween" (1978) nutzt Carpenter trotz des engen Fernsehformats Vorder- und Hintergrund des Bildausschnittes meisterhaft (etwa, wenn wir weit hinter Leigh plötzlich den Unbekannte durch die Wohnung schleichen sehen, ohne dass sie etwas davon mitbekommt).

Dazu hat der Film einen sehr eigenen, skurrilen Humor, den man nicht allzu häufig in derlei Produktionen findet. Wenn man sich heutige TV-Thriller ansieht, kann man nur bedauern, dass keiner davon die Qualität und die Raffinesse dieses Films aus den 70ern erreicht. Dazu gehört übrigens auch die Figurenzeichnung. Lauren Hutton als Leigh in der Hauptrolle ist nicht nur schön und intelligent, sie übernimmt auch die Initiative, während alle Männerfiguren um sie herum unfähig sind und zur Auflösung nichts beitragen. Die damalige Ehefrau von John Carpenter, Adrienne Barbeau (bekannt aus Carpenter-Filmen wie "The Fog" (1979) und "Die Klapperschlange", 1981) spielt die Kollegin von Hutton, und die Tatsache, dass sie lesbisch ist, wird zur Erzählung benutzt, aber zu keiner Sekunde sexistisch, wertend oder problematisch dargestellt. Für einen Film aus den 70ern ist das erstaunlich und spricht noch mehr für die Intelligenz aller Beteiligten. Die Paarung glamouröse Blondine/sarkatische Brünette geht übrigens auch auf Hitchcock zurück, und zwar auf "Die Vögel" (1962).

"Das unsichtbare Auge" ist ein kleiner Film und fast vollkommen unbekannt, aber eine echte Entdeckung und Geheimtipp. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, dass er hierzulande jemals auf DVD erscheint. Man sollte keinen Hochglanz-Schocker vom Schlag eines "Halloween" erwarten (zumal der Film natürlich wegen des Formats auf jede Gewaltdarstellung verzichtet), aber solide und streckenweise brillante, spannende Unterhaltung, die man immer wieder gut sehen kann.

10/10

Kommentare:

  1. So, gestern gesehen. Mir persönlich wäre er allerdings keine 10 Punkte wert, sondern höchstens 7 (auf meiner Werteskala ;)). Positiv: Die Darsteller sind allesamt brilliant gewählt und ihr Zusammenspiel sowie die Dialoge sitzen.

    Meine Hauptkritikpunkte sind allerdings: nicht spannend genug, weil streckenweise sehr unnachvollziehbare Aktionen, über die ich auch nicht hinwegsehen konnte - leider. Gerade als Frau versetzt man sich als Zuschauer selbst in ihre Lage und da konnte ich oft nur mit dem Kopf schütteln. Warum macht Leigh erst nach etlichen Tagen der Beobachtung die Gardinchen zu? Warum geht sie immer ans Telefon? Warum legt sie den HÖrer nicht daneben oder nutzt wie empfohlen eine Trillerpfeife? Nach dem ersten ominösen Anruf "Das ist das erste Geschenk" hätte ich das Geschenk schon mal nicht mehr aufgemacht sondern als Retoure wieder vor die Tür gestellt. Auch wie sie schnurstraks mit dem Messer im 90°-Anschlag durch die Tiefgarage läuft...lustig (höchstens). Und dann ist sie im Haus des Stalkers und ruft während eines Raucherpäuschen von dort grad mal in aller Seelenruhe ihren Lieblingsprofessor an - ich bin fast die Wände hochgegangen. Das war dann wiederum schon spannend - auch der nette Gag mit dem Taxifahrer im Anschluss. Aber trotzdem: alles nicht so nachvollziehbar, was bei so einem Filmthema für mich schon sehr wichtig ist, damit ich "im Film drinbleibe". Die Unlogik hat mich leider streckenweise herauskatapultiert. Bisschen schade.

    Ach, und mein Freund hat bei der hübschen Schauspielerin Lauren Hutton die "Duschszene" vermisst. :)

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  2. Bei den Unlogiken gebe ich Dir Recht, besonders die Sache mit den zugezogenen Gardinen ist schon merkwürdig, aber ich mag die Figuren und die Hitchcock-Anspielungen so gern, dass ich das hier gern alles übersehe, da ist man ja manchmal selbst gnädiger als bei anderen Filmen. Ja, die Lauren Hutton ist schon eine echte Augenweide... :-)

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  3. :) Ja, irgendwie kann ich das verstehen mit dem gnädig sein, wenn einem was ans Herz gewachsen ist.

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